Kampf um WM-Punkte im neuen Brennstoffzellen-Grand Prix

Dass Motorsport auch ohne größere Belastungen der Umwelt und ohne Abgase und ohrenbetäubenden Lärm funktionieren kann, demonstriert seit 2014 die auf Initiative von Jean Todt, dem ehemaligen Ferrari-Teamchef ins Leben gerufene Formel E. Sieben Jahre später gesellte sich Extreme E hinzu, eine von Alejandro Agag, einem spanischen Unternehmer und Ex-Abgeordneten des Europäischen Parlaments, und dem Brasilianer Gil de Ferran, ehemals Rennfahrer und Sportdirektor der Formel-1-Teams von Honda und McLaren Racing, initiierte Rennserie. Agag war es auch, der zuvor mit seiner Firma Formula E Holdings die Planung der FIA-Formel-E-Weltmeisterschaft in die Hand genommen hatte.

Die Rennwagen der Formel E sehen weitgehend so aus wie die aus den traditionellen Grand Prix-Wettbewerben mit Verbrenner bekannten Fahrzeuge und werden auf bis zu drei Kilometer langen Stadtkursen in Großstädten eingesetzt. Wesentliche Bauteile wie zum Beispiel Chassis, Batterie und Reifen der einzelnen Autos sind identisch.

Letzteres gilt auch für die Extreme E-Serie. Bei ihr kommen geländegängige, sogenannte Silhouetten-Fahrzeuge mit Elektromotor zum Einsatz, nur die äußere Form ist anders. Dabei handelt es sich um Prototypen, die sich aus einem Fahrgestell mit aufgesetzter Karosserie bestehen und Wagen aus der Großserie ähneln.

Alle Teams treten mit technisch gleichen Fahrzeugen an und dürfen nur die Karosserie ihrer Autos selbst gestalten. Die Rennwagen verfügen über zwei Elektromotoren mit einer Leistung von 500 kW (680 PS). Damit beschleunigen die 2,30 Meter breiten und 1780 kg schweren Fahrzeuge in 4,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h und bewältigen Steigungen bis zu 130 Prozent. Die gleichen Reifen für alle liefert Continental.

Einzigartig im Motorsport: Die Teams bestehen jeweils aus einem weiblichen und einem männlichen Fahrer, die gemeinsam antreten und sich hinter dem Lenkrad abwechseln. Die Rennen selbst führen über sechs bis zehn Kilometer lange Offroad-Strecken. Den ersten Lauf in Jedda/Saudi Arabien am 17. Februar entschieden die Schweden Mikaela Åhlin-Kottulinsky und Johan Kristoffersson für sich. Beide hatten auch die Formel E-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr gewonnen und fahren für Rosberg X Racing, das Team von Nico Rosberg, der 2016 die Formel 1-Weltmeisterschaft gewann.

Der Sohn des Finnen Keke Rosberg, der selbst 1982 Grand Prix-Weltmeister war, beendete 2016 seine aktive Karriere als Rennfahrer und engagiert sich seither für die elektrische Variante der motorisierten Mobilität. Als er 2019 persönlich am Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos teilnahm, behandelte er in einer Rede die Klimakrise. Angesichts der globalen Erwärmung forderte er den Umstieg der Formel 1 und vertrat den Standpunkt: „Wenn überall nur noch Elektroautos oder wasserstoffbetriebene Autos verkauft werden, dann sollte die Formel 1 nicht weiter mit Verbrennungsmotoren fahren.“ Gesagt getan – im Oktober 2020 gründete Nico Rosberg sein eigenes Team „Rosberg Xtreme Racing“ (RXR) für die Teilnahme an der 2021 startenden Extreme-E-Rennserie.

Dort wird der Umweltschutz großgeschrieben. Die Serie zielt schließlich darauf ab, die Schädigungen der Umwelt zu mindern und gleichzeitig das Bewusstsein der Zuschauer besonders in punkto Klimaerwärmung zu steigern. Dazu wählt sie ihre Veranstaltungsorte ganz bewusst dort, wo die Einwirkungen der Krise schon jetzt besonders deutlich werden.
Darüber hinaus dient das ehemalige Königliche Postschiff St. Helena als schwimmendes Fahrerlager. An Bord des knapp 7000 Tonnen schweren britischen Postschiffs, das früher die Insel St. Helena im Südatlantik belieferte, befinden sich Labore, Schlafzimmer für das Teampersonal und Gästebereiche. Dafür unterzog die Extreme E das Schiff einer umfassenden Renovierung und Modernisierung mit umweltschonenden Technologien. Die gesamte Ausrüstung wird auf dem Seeweg in die einzelnen Rennorten transportiert.

Den Strom für die teilnehmenden Fahrzeuge produziert die Rennserie selbst klimaneutral mit Wasserstoff-Sauerstoff-Brennstoffzellen vor Ort. Hierfür erzeugen tragbare Solarzellen vor den Veranstaltungen grünen Wasserstoff per Elektrolyse. Da für jede Veranstaltung zwischen 0,9 und 1,2 Megawattstunden Energie benötigt werden, kalkuliert die Rennserie mindestens zehn Tage ein. Der damit von der Brennstoffzelle gewonnene Strom wird in einem Energiespeicher gepuffert und mit ihm anschließend die Batterien der Fahrzeuge geladen, was pro Auto etwa anderthalb Stunden dauert.

Nach Ablauf der jetzigen vierten Extreme E-Rennsaison ist damit Schluss. Ab 2025 produzieren die Geländewagen in der Serie Extreme H mittels Wasserstoff und Luft ihren Strom selbst. Die dafür erforderlichen Brennstoffzellen wird das britische Unternehmen Symbio liefern, das sich im gemeinsamen Besitz von Michelin, Stellantis sowie dem französischen Automobilzulieferer Forvia befindet.

Das 2010 gegründete Unternehmen stellt jedem Team 75 kW starke Brennstoffzellen zur Verfügung, die mit grünem Wasserstoff betrieben werden. Hierfür werden lediglich Sonnenenergie und Wasser benötigt. "Wir freuen uns sehr, Symbio als unseren offiziellen Wasserstoff-Brennstoffzellen-Anbieter vor unserer ersten Saison als Extreme H im Jahr 2025 bekannt zu geben", sagte Ali Russell, Managing Director der Extreme E. „Dies ist ein spannender Wandel für die Meisterschaft, die seit ihrer Gründung Pionierarbeit bei nachhaltigen Technologielösungen geleistet hat.“

Die Extreme H wird 2025 die erste Rennserie weltweit sein, bei der die Fahrzeuge mit Energie aus einer Wasserstoff-Brennstoffzelle angetrieben werden. Die Serie verspricht sich davon, als technischer Vorreiter die Wasserstoff-Technologie voranzubringen, um eine Alternative zu batterieelektrischen Antrieben zu schaffen. Diese gelten zwar als effizient, jedoch machen die schweren Akkus oftmals einen hohen Prozentsatz des Fahrzeuggewichtes aus, was der Agilität sowie der Reichweite der Fahrzeuge schadet. Auch der Ladevorgang gilt als Nachteil batterieelektrischer Fahrzeuge, während Wasserstoff, ähnlich wie Benzin oder Diesel, binnen weniger Minuten nachgetankt werden kann.

Mit dem Übergang zur Extreme H wird die Rennserie zudem zur offiziellen FIA-Meisterschaft. 2026 soll sie gar das Prädikat einer FIA-Weltmeisterschaft erhalten - wie die Formel E im Jahr 2021. Vielleicht schafft es dann die neue Motorsport-Variante, die Brennstoffzellen-Skeptiker zu bekehren. (cen)


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Bilder zum Artikel

Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Extreme E


Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Extreme E


Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Extreme E


Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Extreme E


Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Extreme E-Rallye, erster Lauf 2024 in Saudi Arabien.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Extreme E


Mikaela Ahlin-Kottulinsky und Johan Kristoffersson vom Team Rosberg X Racing, Gewinner der ersten Extreme E-Rallye-Etappe 2024 in Saudi Arabien.

Mikaela Ahlin-Kottulinsky und Johan Kristoffersson vom Team Rosberg X Racing, Gewinner der ersten Extreme E-Rallye-Etappe 2024 in Saudi Arabien.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Extreme E


Extreme H-Prototyp.

Extreme H-Prototyp.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Extreme E