Die Geschichte wiederholt sich: Fiese Zahlenspiele

Es ist wie häufig in der Geschichte: Menschen halten griffige Thesen schnell für die Wahrheit und glauben. So verhält es sich zu weiten Teilen auch mit der heutigen Abgas-Diskussion, in deren Verlauf ähnlich unverantwortlich mit Zahlen umgegangen wird wie vor etwa 20 Jahren, als ein anderes Thema die Nation erregte. Damals war es das geforderte Tempolimit auf Autobahnen, das zu Sondersendungen im Fernsehen führte und Deutschland in zwei Lager spaltete.

Interessierte Gruppen verfolgten damals in einer völlig verzerrten Debatte das Ziel der Gleichmacherei im Mäntelchen der Lebensretter. In Wahrheit sollten jedoch Mercedes- BMW- oder Porschefahrer auf keinen Fall schneller fahren dürfen als ein Golf-Besitzer. Und wie heute beim Abgas-Streit sorgten bestimmte Politiker und schlecht, nicht recherchierende oder ideologisch ausgerichtete Medien absichtlich oder unabsichtlich dafür, dass Fahrer von sogenannten Bonzen-Autos in nicht wenigen Köpfen als Raser galten, die bereits beim Einsteigen in ihre vermeintlichen Rennwagen Leben zu bedrohen schienen und auch mit 200 Sachen einzuparken pflegten.

Schlagzeile folgte auf Schlagzeile, wenn wieder einmal ein BMW oder Mercedes in einen schlimmen Unfall verwickelt war. Unterschwellig schwang dabei immer mit, dass es genau diese Autos sind, die gestoppt werden müssen. Messlatte für diese zumeist ideologisch gesteuerten Texte war immer die Höchstgeschwindigkeit der verunglimpften Autos und – natürlich – die Autobahn als Metapher für Risiko. Dass jedoch nie die Autobahn das Problem war, sondern vielmehr die damals schon seit Jahrzehnten tempolimitierten Bundes-, Land- oder Kreisstraßen, wurde entweder nicht recherchiert oder ignoriert, weil sonst die Schlagzeilen nicht haltbar gewesen wären. Wer die offiziellen Zahlen aufmerksam las, konnte auch damals schon erkennen, wie absurd die Diskussion gewesen ist – bei aller löblichen Absicht, Menschenleben retten und schützen zu wollen.

Wer seinerzeit mitten in dem aufgeheizten Geschehen um die Tempolimit-Diskussion gewesen ist, muss sich angesichts der heutigen Diesel- oder Abgas-Debatte wieder ans Hirn fassen und erneut erkennen, dass es lediglich auf griffige Faustformeln und die geschickte öffentliche Verkaufe ankommt, um Millionen Menschen, die wenig bis keine Sachkenntnis haben, für sich einzunehmen und hinter die Fichte zu führen. Denn trotz des Softwarebetrugs der Autokonzerne, der ohne Zweifel vorliegt, sind nur wenige von den kolportierten Zahlen wahr.

Ein Beispiel dafür, wie mit vermeintlich objektiven Zahlen umgegangen wird: Angeblich sterben in Deutschland jedes Jahr 40 000 Menschen infolge schlechter Luft, die wesentlich von den Autoabgasen befrachtet sei. So verbreitet es immer wieder Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer des Abmahnvereins Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH). Resch führt vor Kameras und Mikrofonen auf seltene Nachfragen mit Betroffenheit in der Stimme aus, dass diese Zahl ja von keiner geringeren Organisation als der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stamme. Und die, so der mitschwingende Subtext, sei über jeden Zweifel erhaben. Dass das mitnichten der Wahrheit entspricht, sondern vielmehr reine Panikmache ist, weiß Resch natürlich – aber kaum einer von jenen, die Resch Mikro und Kamera für ein knackiges Statement hinhalten. Denn nur das zählt. Weil damit die erhoffte Aufmerksamkeit beim Zuschauer ausgelöst wird, was zu einer erfreulichen Einschaltquote beiträgt und am Ende schließlich dadurch die Werbeeinnahmen der Sender beeinflusst.

Die Wahrheit sieht indes so aus: Bei der Zahl 40 000 handelt es sich, erstens, um eine statistische Schätzung der WHO, die, zweitens, auf Berichten der WHO-Mitglieder fußt. Von einer eigenen seriösen Untersuchung der WHO kann mithin keine Rede sein. Und außerdem, darauf verweist die WHO immerhin, handelt es sich bei der Zahl größtenteils um Menschen, die durch anderweitige Krankheiten stark vorgeschädigt sind oder waren, deren Entstehung mit Autoabgas nichts zu tun hat.

Dennoch hat die WHO bereits 2005 einen Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickoxid/Stickstoffdioxid (NOX/NO2) pro Kubikmeter Luft empfohlen. Und die EU hat ihn umgesetzt. Vorher, im Jahr 2003, wurden für die WHO Untersuchungen in vielen Städten der Welt ausgewertet. Aber nur statistisch. Unterm Strich hat der heutige NOX-Grenzwert noch einen anderen Webfehler: Der WHO-Bericht basiert nahezu durchgängig auf Daten, die in Zeiträumen oder Regionen ermittelt wurden, als die Abgasreinigung noch weit lascher war als heute.

Den meisten, die in dieser Diskussion mitreden, dürfte überdies unbekannt sein, dass es bei diesen rein statistischen Auswertungen gar nicht allein um Stickoxide ging. Deren Vorhandensein sei nur ein „starker Hinweis auf Fahrzeugemissionen“, heißt es von der WHO. Alles, was sonst noch an Stoffen oder Gift in der Luft war, wurde so dem vermeintlichen Sündenbock Stickoxid in die Schuhe geschoben. Im Klartext: Wenn beispielsweise an einer vielbefahrenen Straße in München oder Hamburg 60 Mikrogramm Stickoxid im Jahresmittel gemessen werden, heißt das nicht, dass dieser Stoff es ist, der krank macht.

Diese Vermischung war auch Thema vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages zur VW-Abgasaffäre Anfang 2017. Die als Expertin angehörte Dr. Annette Peters, damals Professorin für Epidemiologie am Institut für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie der Uni München, musste einräumen, dass ein direkter Zusammenhang von Stickoxiden und Gesundheitsschäden epidemiologisch noch nie untersucht wurde. Peters laut Protokoll: „Fürs NO2 bin ich mir keiner Studie bewusst, die das schon mal systematisch angeguckt hat.“ Das bedeutet: Keiner weiß, welche Schadstoffe welche Schäden verursacht haben oder weiter verursachen, für die aber die Stickoxide in der gegenwärtigen Diskussion pauschal verantwortlich gemacht werden.

Erwähnt dies alles der Abgas-Messias Resch bei der Verbreitung seiner Thesen? Nicht, dass es bemerkt worden wäre. Außerdem: Die Sachlage ist viel zu kompliziert, als dass man damit Stimmung machen könnte. Deshalb wird die Kompliziertheit des Themas zu einer knackigen Faustformel verdichtet, die sich medial besser anbringen lässt: Das Stickoxid ist der Todbringer. Mithin ist es kein Wunder, dass ein besonders heikles NOX-Messergebnis aus Oldenburg nur lokal begrenzt diskutiert wird. Bundesweit ist keine Rede davon.

In der niedersächsischen Stadt lief am 21. Oktober ein Marathon. Dazu wurden große Teile der Innenstadt für den Autoverkehr gesperrt. Jedoch registrierte die Messstelle am Heiligengeistwall in unmittelbarer Nähe der Laufstrecke im Mittel 37 Mikrogramm NOX/NO2 in der Luft – obwohl keine Autos unterwegs waren. Also ganz knapp unter dem erlaubten Tagesdurchschnitt von 40 Mikrogramm. In Messspitzen lag er im Tagesverlauf sogar darüber.

Nun rätseln die Verantwortlichen, woran es gelegen haben könnte. Eine Überprüfung der Messtechnik soll Klarheit bringen. Auch darüber, ob überhaupt verlässliche Werte auf diese Weise ermittelt werden können. Mal sehen, ob am Ende eine ideologische Feinstaubwolke vielleicht alles vernebeln soll. Klar ist indes, dass der Fall Oldenburg der DUH derzeit gar nicht ins Konzept passt. Denn nach Köln und Bonn, Essen und Bochum sollen die nächsten Städte per DUH-Klage vom Gericht zu einem Dieselfahrverbot verknackt werden.

Diesen ganzen Zirkus um Sinn und Glaubwürdigkeit des allgemeinen Abgas-Theaters gab es in der Geschichte nicht nur bei der Diskussion um die Höchstgeschwindigkeit. Er erinnert an Ereignisse von vor 2000 Jahren, als ein bestimmter Prediger noch ohne Internet-Gemeinde durch die Lande zog, um seine mehr oder weniger griffigen Thesen über eine neue religiöse Weltordnung wie auch vom bevorstehenden Weltuntergang unters (zumeist ungebildete) Volk zu bringen. Nach heutigen Maßstäben war dieser Messias nichts weiter als ein früher Unternehmensberater zum eigenen Nutzen.

Diese Systematik von Verheißung, Drohung und Weltuntergang funktioniert noch immer. Wie einst Jesus, der gelernte Zimmermann und spätere Wanderprediger, der in der Gegend von Palästina unterwegs war, um seinen Glauben unter die Leute zu bringen, sind heute andere Auserwählte im Auftrag einer Abgaskirche unterwegs, um neue Gläubige für ihre Religion in den Bann zu ziehen. Erstaunlich, dass ihnen viele angeblich aufgeklärte Schäfchen willig und ohne Skepsis in die Anti-Auto-Kirche folgen. (ampnet/hk)


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Harald Kaiser.

Harald Kaiser.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Harald Kaiser