Glosse: Späte Rache

Das höchste Vergnügen des Besserwissens ist es, sein besseres Wissen anderen vor Augen zu führen. Jeder kennt einen, der zu dieser Gattung gehört und das nicht nur im Hinblick auf die deutsche Sprache unter Beweis stellen will. Aber besonders die Moderatoren und Korrespondenten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verschaffen uns sonst so braven Zuschauern immer wieder einen Grund zu tiefen Seufzern. Nicht, dass die besonders häufig falsch formulierten, aber die beanspruchen für sich selbst doch die Rolle des Qualitätsjournalisten.

Es ist vielleicht auch eine Frage des Alters oder der Lebenserfahrung, wenn als störend empfunden wird, dass Leichen – wie Täter – überführt und nicht übergeführt werden, zum Beispiel zur Trauerfeier mit den Gemeindegliedern, die heute nur noch Mitglieder sind. Gern wird dann auch den Opfern gedacht. So titelte Sebastian Sick: „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“.

Diskussionswürdig auch die Sportreporter, die immer dem Sieger Glück wünschen, statt ihm zu gratulieren. Außerdem beherrschen die mehr als alle anderen Reporter die Kunst der geschlossenen Frage, auf die der Interviewte nur mir Ja oder Nein antworten muss. Glücklicherweise sind unsere Sportler so gut geschult, dass sie trotzdem erzählen, was der Reporter hätte wissen wollen.

Die Kollegen vom Aktuellen sprechen gern von Rettungskräften, zu oft in Verbindung mit einer genauen Zahl. Dabei umfasst der Begriff immer alle Rettungskräfte, egal ob drei oder 300. Einen ähnlich falschen Umgang erleben wir auch immer wieder mit dem Begriff „Truppen“.

Zu denken sollten einem auch die vielen haltlosen Behauptungen geben. Eigentlich müssten sie als unhaltbar beschrieben werden, es sei denn, ihr Urheber ist nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte oder wegen Alkoholsucht haltlos.

Ein besonders stümperhaft beackertes Feld ist der Konjunktiv. Kaum jemand kennt offenbar noch das Schimpfwort vom „Frankfurter Konjunktiv“. Dabei wird der nicht nur im Funk ständig angewendet, um sich am richtigen Konjunktiv vorbei zu mogeln: Wenn ich die Konjunktivregeln beherrschen würde, dann würde ich Deutsch können. Kaum jemand sagt den Satz: Wenn ich die Konjunktivregeln beherrschte,…oder: Beherrschte ich die Konjunktivregeln,…

Na ja, über realis und irrealis brauchen wir beim Konjunktiv schon gar nicht mehr zu sprechen. Auch bei den Zeiten geht vieles durcheinander. Aber immerhin sind wird damit beim brauchen: Wer brauchen ohne zu gebraucht,…

Und dann diese Kunstnamen jenseits von allen Regeln, damit sie Auffallen. Zum Beispiel „RealLabHH“ für ein Mobilitätsprojekt in Hamburg. Das ist noch ein harmloses Beispiel. Die scheinbaren Substantive mit einer wilden Beimischung von Versalien scheint psychische Gründe ganz tief in den Gehirnen von Naturwissenschaftlern und Markteers zu haben. Es ist wohl die späte Rache am eigenen Deutschlehrer oder ein Ergebnis des Versäumnissen, dass noch niemand der Künstlichen Intelligenz die deutsche Sprache beigebracht hat. Es wird Zeit. Dann könnte sie Korrektur lesen. Aber wie sichert man das Mikrofon ab? Die Beweise, dass die Volontärausbildung die Mängel der Allgemeinbildung nicht ausgleichen kann, finden wir täglich. Und der Besserwisser hofft, dass man ihn selbst nicht allzu oft bei ähnlich peinlichen Irrungen erwischen wird. (ampnet/Sm)





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Peter Schwerdtmann.

Peter Schwerdtmann.

Foto: Auto-Medienportal.Net