Kommentar: Einfalt statt Vielfalt

Es steht Spitz auf Knopf. Am kommenden Dienstag könnte das Europäische Parlament dem Autofahrer und dem Klima den Krieg erklären. Stimmt das Parlament dem Vorschlag der Kommission zu, muss nur noch der Europäischen Rat nicken und fast jeder Autobesitzer kann in derselben Sekunde mehrere Tausend Euro in den Wind schreiben. Wieder werden wir das Haupt senken und dankbar hinnehmen, dass uns nun die gerechte Strafe fürs Autofahren ereilt. Das muss und unser Beitrag zur Rettung des Klimas allemal wert sein, werden uns die Volksvertreter in Brüssel sagen. Viele werden zustimmen. Denn alle sitzen in der Falle, die da oben und wir hier unten.

Wir alle konnten es seit 2018 auf uns und die deutsche Industrie zukommen sehen und trotzdem hatten wohl alle gedacht, so schlimm werde es schon nicht werden. Aber die Forderung aus Brüssel war in Stein gemeißelt: null Emissionen. Und null heißt für die EU-Kommission: Ein Pkw der Zukunft darf im Betrieb nichts emittieren. Was vor und bei dem Bau des Autos geschieht, wie der Strom dazu hergestellt wird und was mit dem Schrott passiert, hat die Kommission nicht interessiert. Die Null der Kommission hat also mit der Realität nichts zu tun. Aber sie ist Beschlusslage: Basta!

Null Emission im Betrieb: Das war für Brüssel auch das Ausschlusskriterium für die klimaneutralen alternativen Kraftstoffe. Denn auch e-Fuels emittieren im Verbrennungsmotor das CO2, aus dem sie hergestellt werden. Und das ist eine Emission, wenn auch eine klimaneutrale, aber eben nicht null!

So entstand eine paradoxe Situation. Die hatte begonnen mit einer Art goldenem Zeitalter für Technologien. Ein ganzer Strauß verschiedener Antriebe und Kraftstoffe reizte Forscher und Entwickler und überdehnte die F&E-Etats der Automobilhersteller. Da drängte sich die Lösung geradezu auf, das Basta als tatsächlich in-stein-gemeißelt zu verstehen. Vergessen wir die Vielfalt und all die schönen Möglichkeiten der Technologie. Konzentrieren wir uns auf eine Antriebsart.

Heute können die Hersteller scheinbar gar nicht schnell genug die Einstellung der Produktion ihrer Verbrenner verkünden. Gerade diese Woche hat sich Fiat mit einem vorgezogenen Termin gemeldet. Sieht man darüber hinweg, dass diese Ankündigungen nur für Europa gelten und sich die Exportmärkte weiterhin auf Verbrenner freuen dürfen, erleben wir eine seltsame Umkehr im Rollenspiel zwischen Herstellern und den diversen Umweltgruppen.

Die Aktivisten brauchen nicht mehr zu kämpfen. Sie müssen die Bewegung zum Elektroauto nur noch kommentieren. Denn inzwischen haben sich viele Hersteller so festgelegt, dass eine Wende zurück zum Verbrenner nur unter finanziellen Opfern möglich wäre. Denn im Hintergrund droht die EU mit massiven Strafzahlungen bei Verletzung der Emissionswerte.

So sehen sich die europäischen Hersteller zur totalen Umstellung auf die Produktion von E-Autos gezwungen, die sie dann auch noch an den Käufer bringen müssen. Der allerdings zögert, seinen Verbrenner gegen ein E-Auto zu tauschen. Darüber täuschen auch die dramatisch hohen Zuwachsraten bei den Neuzulassungen von E-Autos nicht hinweg. Denn die basieren auf einer kleinen Zahlenbasis. Von den knapp 48 Millionen in Deutschland zugelassener Pkw waren zum 1. Januar dieses Jahres knapp 620.000 elektrisch angetrieben, nur 1,3 Prozent.

Die Situation ist verfahren: Rund 98 Prozent der Autofahrer haben noch die Chance, beim Verbrenner zu bleiben. In dieser Menge muss die Industrie die begeisterten Fans der Elektro finden, um ihre Zusagen einhalten zu können. Und das alles nur, weil Brüssel festgelegt hat, was die Autowelt unter der Null zu verstehen hat, statt Ziele zu setzen und sich auf die Innovationskraft Europas zu verlassen.

Deswegen also steht es Dienstag Spitz auf Knopf. Die Väter der Nulllösung werden nicht weichen wollen. Es klingt paradox: Aber vielleicht hilft Putin auch hier. Seit seinem Angriff auf die Ukraine kommt ein Argument für die klimaneutralen synthetischen Kraftstoffe dazu: e-Fuels statt Benzin und Diesel aus russischem Öl. (Peter Schwerdtmann, cen)


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Peter Schwerdtmann.

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Foto: Auto-Medienportal.Net