Wortklauberei (38): April, April!

Als Kinder haben wir immer, wenn wir die anderen überlistet oder übertölpelt hatten, gerufen: „April, April!“. Das Gefühl, das wir hatten, wenn wir von den anderen gelinkt worden waren, überkommt mich heute, wenn mir vom meinem Elektroauto-Infotainmentcenter mal wieder die Meinung nahegebracht wird, die synthetischen Kraftstoff und e-Fuels verhinderten die totale Entwicklung zum reinen elektrischen Personenwagen.

Gerade jetzt wieder verbreitet die Brüsseler Öko-Lobby Transport & Environment (T&E) die Botschaft, e-Fuels kämen zu spät, seien zu teuer und hätten sowieso keinen Effekt auf die Dekarbonisierung des Verkehrs. Sie würden uns nur in neue Anhängigkeiten von Importen stürzen. Das ist jedenfalls in Kürze das Ergebnis der neuesten und langen Denkschrift von T&E mit dem ins Deutsche übersetzten Titel „Ein Tropfen e-Fuel in einem Ozean von Öl – Warum karbonneutrale Kraftstoffe zur Dekarbonisierung des Fahrzeugbestands nicht spürbar beitragen können".

Man kann es so sehen oder anders. T&E hat sich entschieden, alle negativen Aspekte negativ auszulegen. Diese Haltung zeigten die Lobbyisten schon in einem früheren Papier zur technischen Machbarkeit von e-Fuels. In der Summe geben die Papiere Anlass zur Sorge – nicht etwa wegen ihres Realitätsgehalts, sondern wegen der Haltung, die durch die wissenschaftlich formulierten Zeilen durchblitzt. Für jemanden, der die Entwicklung seit Ende der 90-Jahre des 20. Jahrhunderts verfolgt, wird hier bei T&E Panik sichtbar, die Angst, die in Beton gegossene eigene Position zur Elektromobilität könne zerbröseln.

T&E war eine entscheidende Kraft, die die Politik in Richtung reiner Elektromobilität seit Jahrzehnten vor sich hergetrieben hat. Jetzt sehen sie ihr Ziel offenbar bedroht; wollen die letzten Meter bis zum Point of no Return noch schaffen. Heute schon sagen große Teile der Automobilindustrie, sie können gar nicht mehr anders als sich auf die Elektromobilität konzentrieren. Was will T&E mehr? Vermuten sie Aufweichungstendenzen oder das Erstarken von Abweichlern?

Das ist die Lage: Natürlich verdirbt das Hochfahren der Kohlekraftwerke die sowieso nicht gerade großen Emissionsvorteile eines Elektroautos gegenüber etwa einem modernen Diesel. Es wird auch schwerfallen, die notwendigen Rohstoffe krisenfest und den Regeln des Lieferkettengesetzes entsprechend in die eigenen Batteriefabriken zu holen, wenn die einst gebaut sein werden. Außerdem sehen EU und viele Politiker auf einmal den Wasserstoff als einen Rettungspfad aus unserer Misere. Selbst die EU zeigt neuerdings Spuren von Einsicht bei den e-Fuels. Und der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft gerät auf einmal in Konkurrenz zu dem Ausbau der Ladestationen. Die Regierung könnte beschließen, nachhaltige Energieproduktion mit einem weiteren Doppel-Wumms zu fördern und die Suche nach grünen Wasserstoff und Wasserstofftechnologie im Ausland beschleunigen.

Bleibt noch der schlechte Wirkungsgrad bei Wasserstoff und e-Fuels zu hinterfragen. Was für eine überflüssige Diskussion, angesichts der Tatsache, dass die Natur weder Sonnenlicht, noch Wasser- oder Windkraft in Rechnung stellt. Wir müssen nur ernten. Und das sogar schon im April und in jedem anderen Monat. (Peter Schwerdtmann/cen)


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Peter Schwerdtmann.

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Foto: Auto-Medienportal.Net