Im Rückspiegel: Karmann Ghia – der „Sekretärinnen-Porsche“ wird 70

In den 1950er Jahren war die Welt bei Volkswagen in Ordnung, aber gleichzeitig auch ziemlich langweilig. Neben dem Käfer und dessen Cabrioversion stand als drittes Modell nur noch der Transporter bei den Händlern, und das war‘s. Heinz Nordhoff, der als unumstrittener Patriarch in Wolfsburg herrschte, war mit dieser Modellpalette vollauf zufrieden, und eine dritte Baureihe war für den ehemaligen Opel-Manager kein Thema. Warum auch? Die Kapazitäten in Wolfsburg waren vollständig ausgelastet, und der Käfer fuhr von einem Produktionsrekord zum nächsten. Doch tief in der niedersächsischen Provinz dachte ein Mann über eine sportliche Käfer-Variante nach, dessen Design sich von der eher altbackenen Form des Erfolgsmodell unterscheiden sollte.

Wilhelm Karmann, in dessen Fabrik das Käfer-Cabriolet im Auftrag von Volkswagen entstand, träumte von einem Modell, dessen Design einzigartig sein sollte. Karmann starb 1952, und sein Sohn verfolgte die Pläne seines Vaters weiter und versuchte zunächst vergeblich, Nordhoff von dem Plan zu überzeugen. Während die meisten Zeitgenossen ein Nein des obersten Käfer-Hüters widerstandslos hinnahmen, blieb Karmann hartnäckig, und schließlich gab der VW-Boss tatsächlich nach, ließ sich und seinem Produktionschef Karl Feuereisen erste Entwürfe für ein Cabriolet zeigen – schließlich war Karmann Spezialist für offene Autos –, die in Wolfsburg jedoch alle abgelehnt wurden.

Hier könnte die Geschichte des Coupés auf Käfer-Basis eigentlich enden, doch für Wilhelm Karmann Junior war dies offensichtlich erst recht ein Ansporn, seinen Plan weiter zu verfolgen. Und von da an wurde es international mit Stationen in Paris und Turin.
Karmann nutzte seine Verbindungen zu Luigi Segre und weihte den Geschäftsführer der Carrozzeria Ghia in seinen Plan ein. Der inzwischen ziemlich verzweifelte Osnabrücker Unternehmer bat den Chef der Turiner Designschmiede, ob er nicht eine Karosserie zeichnen könne, das die Wolfsburger Konzernlenkung überzeugen würde. Segre, so die Legende, hörte zu, hielt sich aber mit einer Zusage zurück.

Segre war klar, dass sich der Käfer durchaus als Basis für ein Sportmodell eignete, und versuchte, sich in Wolfsburg einen Käfer zu sichern. Doch dort war kein Auto verfügbar, und deshalb kam Paris ins Spiel. Dort besaß Charles Ladouche die Importlizenz für Volkswagen und Chrysler in Frankreich und ließ einen Käfer nach Turin bringen. Im Hebst 1953 erhielt Karmann Junior einen Anruf von Segre, er solle „etwas begutachten, dass ihn interessieren könnte“. Karmann war gerade in Paris, und deshalb wurde der Prototyp nach Paris geschafft und gemeinsam mit Ladouche beurteilt. Der Osnabrücker Unternehmer war begeistert, obwohl Ghias Designer Mario Boano ein Coupé auf die Räder gestellt hatte.

Nun begann eine Epoche der strengsten Geheimhaltung. Selbst seinen engsten Mitarbeitern verheimlichte Karman die Existenz des Prototyps. Der wurde, wenn unbedingt notwendig, in einem gepanzerten Lastwagen durch Europa transportiert. Nachdem technische Probleme gelöst waren, kamen die Wolfsburger Herrscher nach Osnabrück, und ein nervöser Wilhelm Karmann Junior präsentierte das Coupé. Und Nordhoffs Reaktion? Der strenge Unternehmensleiter war begeistert und hatte auf Anhieb das Potenzial des Coupés erkannt. Die finale Entwicklungsphase konnte beginnen.

Die Testwagenflotte bestand aus überschaubaren fünf Versuchsexemplaren. Die einzige „Tarnung“ war der Verzicht auf das VW-Logo auf der Fronthaube. Die Erprobungsfahrten fanden vor allem an der französischen und italienischen Mittelmeerküste statt, und die von der eleganten Form begeisterten Passanten rätselten, welcher Hersteller hinter dem schönen Coupé stand.

Vor 70 Jahren schließlich wurde die Verbindung von grundsolider deutscher Automobiltechnik und italienischem Design auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt als Karmann Ghia dem überraschten Publikum präsentiert. Zuvor durfte die Presse den neuen Volkswagen fahren. Vorangegangen war eine Suche nach einem passenden Namen. „Corona“ stand ebenso zur Wahl wie „San Remo“ oder „Ascona“, doch am Ende fand Karmann Junior die Lösung und kombinierte Karman und Ghia und nahm dabei in Kauf, dass die deutschen Kunden zumeist vom „Dschia“ sprachen. Angesichts des Designs kamen ziemlich schnell Gerüchte auf, dass auch der damals seit zehn Jahren gebaute Käfer eine neue Form bekommen sollte.

Vor allem bei Frauen kam das Coupé gut an, was ihm den spöttischen Spitznamen „Sekretärinnen-Porsche“ eintrug. Zu den Kundinnen gehörten damals Romy Schneider und Petra Schürmann.

Mit 7500 Mark war der Karmann Ghia ziemlich teuer – damals kostete ein Eigenheim um 30.000 Mark – doch trotzdem entwickelten sich das Coupé und später auch das Cabriolet zu Bestsellern. Vor allem in den USA griffen die Kunden zu und störten sich nicht an den bescheidenen Fahrleistungen. Der unverändert aus dem Käfer übernommene luftgekühlte Boxermotor mit 34 PS erreichte bei 121 km/h seine Höchstgeschwindigkeit und „beschleunigte“ in 30 Sekunden von Null auf 100 km/h. Bei den später gebauten Versionen stieg die Höchstgeschwindigkeit auf knapp 138 km/h. Insgesamt entstanden bis 1974 einschließlich der Produktion in Brasilien 538.698 Karmann Ghia.

Heute ist das besondere Käfer-Coupé ein gesuchter Oldtimer. Gut erhaltene Exemplare werden für rund 20.000 Euro gehandelt. (aum)


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Bilder zum Artikel

Prototyp des VW Karmann Ghia Coupé (1953).

Prototyp des VW Karmann Ghia Coupé (1953).

Photo: Auto-Medienportal.Net/Volkswagen


Karmann Ghia.

Karmann Ghia.

Photo: Autoren-Union Mobilität


VW Karmann Ghia Coupé (1959).

VW Karmann Ghia Coupé (1959).

Photo: Auto-Medienportal.Net/Volkswagen


Volkswagen Karmann Ghia.

Volkswagen Karmann Ghia.

Photo: Auto-Medienportal.Net/Volkswagen


Volkswagen Karmann Ghia.

Volkswagen Karmann Ghia.

Photo: Auto-Medienportal.Net/Volkswagen


Volkswagen Karmann Ghia Typ 14 Coupé (1955–1974).

Volkswagen Karmann Ghia Typ 14 Coupé (1955–1974).

Photo: Auto-Medienportal.Net/Volkswagen


Produktion des Karmann Ghia in Osnabrück.

Produktion des Karmann Ghia in Osnabrück.

Photo: Volkswagen via Autoren-Union Mobilität


Volkswagen Karmann-Ghia (1968).

Volkswagen Karmann-Ghia (1968).

Photo: Auto-Medienportal.Net/Autostadt


Volkswagen Karmann Ghia (1974).

Volkswagen Karmann Ghia (1974).

Photo: Auto-Medienportal.Net/Volkswagen


VW Karmann Ghia Coupé (1974).

VW Karmann Ghia Coupé (1974).

Photo: Auto-Medienportal.Net/Volkswagen


Zwei Jahre nach dem Coupé rollte ab November 1957 der VW Karmann Ghia Typ 14 auch als Cabriolet vom Band.

Zwei Jahre nach dem Coupé rollte ab November 1957 der VW Karmann Ghia Typ 14 auch als Cabriolet vom Band.

Photo: Auto-Medienportal.Net/Volkswagen


Volkswagen Karmann Ghia Typ 14 Cabrio (Baujahr 1958).

Volkswagen Karmann Ghia Typ 14 Cabrio (Baujahr 1958).

Photo: Auto-Medienportal.Net/Volkswagen


Karmann Ghia Cabrio (1974).

Karmann Ghia Cabrio (1974).

Photo: Volkswagen via Autoren-Union Mobilität