Und es stimmt doch: HVO-Diesel aus Abfällen senkt Methanbelastung

Die erste Kampagne des Vereins Deutsche Umwelthilfe (DUH) gegen Hyd riertes Pflanzenöl (englisch Hydrotreated Vegetable Oil) HVO als umweltfreundlichen Kraftstoff endete als medialer „Rohrkrepierer“. Jetzt munitionierte sich die DUH erneut auf gegen die Diesel-Alternative mit 96 Prozent CO2-Einsparung mittels einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu). Doch auch die neuerliche Studie und deren Interpretation ernteten Widerspruch. Für uns eine Gelegenheit, zum Thema HVO grundsätzlich zu werden.

Aus der Wissenschaft bis hin zum ADAC hagelte es massive Kritik. Unter anderem bemängeln die Experten, die angewandten Testmethoden stimmten nicht mit der Abgasnorm der getesteten Fahrzeuge überein. Außerdem seien die Tests sogar unter dem Verdacht der Begehung von Ordnungswidrigkeiten im öffentlichen Verkehrsraum durchgeführt worden. Was unter diesen und ähnlichen Umständen als Fazit der Presseaktivitäten der DUH zunächst hängen bleibt, ist der Eindruck, die Umweltlobby wolle Stimmung gegen den HVO-Kraftstoff erzeugen und damit gleichzeitig auf die nationale Umsetzung der EU-Richtline RED III Einfluss nehmen.

HVO behindert E-Mobilität?

Die Renewable Energy Directive III (RED III) verfolgt das Ziel, bis 2030 einen Anteil von mindestens 42,5 Prozent erneuerbarer Energie am Bruttoenergieverbrauch der gesamten EU zu erreichen. In der deutschen Umsetzung wird dazu die Elektromobilität stark priorisiert. Alternativen werden in diesem Bereich weitgehend ausgeschlossen. Deswegen findet die DUH-Aktion bei Verfechtern der Elektromobilität Unterstützung. Denn ein Kraftstoff, der gesetzeskonform bis zu 96 Prozent CO2 reduziert, ist geeignet, den Hochlauf der E-Mobilität zu verzögern.

In ihrer Pressemeldung behauptet die DUH unter Berufung auf die ifeu-Studie: „Wird Altspeiseöl wegen einer erhöhten Nachfrage im Verkehr beispielsweise aus Indonesien und Malaysia importiert, fehlt es dort und führt ersatzweise zu mehr Palmölnachfrage in den Exportländern. Die Folge sind massive Klima- und Umweltschäden durch Landnutzungsänderungen und Regenwaldrodungen.“ Die Unterstellung, jeder Liter gebrauchtes Pflanzenöl, der nach Europa geht, werde in Asien 1:1 durch Palmöl ersetzt, wird von der Studie nicht belegt.

Die Palmöl-Unterstellung

Eine hochwertige stoffliche Nutzung wie durch die Produktion von HVO mit direktem Einfluss auf die Treibhausgas-Minderungsquote (THG) im Verkehrssektor findet in den asiatischen Ländern aus gutem Grund nicht statt: Das sogenannte „Pretreatment“, die Aufarbeitung der Altspeisefette für den Raffinerieprozess zur HVO-Herstellung, ist aufwändig und kostenintensiv. In asiatischen Ländern werden Altspeisefette deswegen für niedrigwertigere Anwendungen wie die klassische Verbrennung mit den daraus sich ergebenden Emissionen genutzt.

Außerdem ersetzt HVO im Straßenverkehr fossilen Diesel und führt direkt zu THG-Minderungen. Zudem haben fast alle Emissionstests, die korrekt durchgeführt wurden, durch die vorteilhaftere motorische Verbrennung von HVO zusätzliche Emissionsminderungen unter Beweis gestellt.

Was von der Aussage bleibt, ist nicht viel mehr als eine Übertreibung der Nutzung von Palmöl ohne belastbare Nachweise, weil angeblich in den Ursprungsländern der Altspeisefette eben diese fehlten und durch Palmöl ersetzt werden. Zusätzlich ignoriert die Studie anerkannte Zertifizierungssysteme und Kontrollen der Nachhaltigkeit, die unter anderem durch Zollüberwachung sichergestellt werden.

Metan-Quelle oder Methan-Vermeidung?

Auch die Aussage von Dr. Axel Friedrich – ehemaliger Mitarbeiter des Umweltbundesamts (UBA) und dort als bekennender Auto-Feind ausgeschieden, der mal wieder als internationaler Verkehrsexperte vorgestellt wird – stößt bei Energieexperten, die mit der Herstellung von HVO vertraut sind, auf Kopfschütteln. Er führte aus: „Bei der Gewinnung von POME werden enorme Methan-Emissionen freigesetzt. Da Methan über 20 Jahre hinweg eine 82-mal stärkere Klimaerhitzung verursacht als CO2, muss das Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung dringend die Klimagasemissionen ermitteln und die Zertifikate zurückziehen.“

Bei POME (Palm Oil Mill Effluent) handelt es sich um Abwässer aus Palmmühlen, die früher in künstliche Teiche geleitet und sich selbst und dem Gärprozess überlassen wurden. Dabei setzen die Abfälle tatsächlich hohe Mengen an Methan frei. Diese vergorenen Abfälle sind für die Verwendung im HVO-Raffinerieprozess allerdings nicht mehr oder nur noch bedingt nutzbar. Allein schon deshalb sind die Hersteller von HVO bestrebt, die Abfälle vor dem Einsetzen des Gärprozesses zu alternativem Kraftstoff zu verarbeiten. Damit bewirkt die Nutzung von POME im Prinzip genau das Gegenteil von dem, was die DUH behauptet – eine Reduzierung der Methan-Emissionen.

THG-Einsparung deutlich über 90 Prozent

Auch deswegen hält Prof. Dr.-Ing. Thomas Willner von Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW Hamburg) die negative Gesamtbewertung von HVO durch die ifeu-Studie für nicht gerechtfertigt: „Die Studie verweist auf die klimaschädliche Methan-Freisetzung aus ungenutzten POME-Teichen in Südostasien. Es wird aber versäumt, darauf hinzuweisen, dass eine POME-Nutzung für die Herstellung von Biokraftstoffen dringend zu befürworten ist, da dadurch die unkontrollierten Methanfreisetzungen zurückgedrängt würden.“ Prof. Willner stellt fest, dass aufgrund der fehlenden Nutzungskonkurrenz bei ungenutztem POME die THG-Einsparung bei der Biokraftstoffherstellung deutlich über 90 Prozent liegen.

Die Studie – so Willner – versäume weiterhin, auf große HVO-Potenziale durch nachhaltige neue Pflanzenölquellen ohne Nutzungskonkurrenz hinzuweisen. Als Beispiel nennt Willner Jatrophaöl. „Die Jatrophapflanze lässt sich auf marginalen Böden in Wüstenrandgebieten anbauen, wo sonst nichts wirtschaftlich wächst. Außerdem gäbe es bei neu erschlossenem Jatrophaöl keine Nutzungskonkurrenz, zumal Jatrophaöl nicht essbar ist.“ Unter diesen Randbedingungen würde HVO aus Jatrophaöl weit über 90 Prozent THG-Einsparung erbringen, weil durch die Kohlenstoffeinbindung in den neu angebauten Jatrophapflanzen auf Flächen, wo vorher fast nichts gewachsen ist, ein großer negativer CO2-Fußabdruck realisiert würde.

Prof. Willner nimmt sich auch den in der Studie geäußerten Betrugsverdacht vor: „Das spricht nicht gegen die Nutzung von Biokraftstoffen, sondern für die Optimierung der Zertifizierungssysteme. Der Vorteil der Biokraftstoffe gegenüber der E-Mobilität ist ja, dass es die Zertifizierung mit amtlicher Dokumentation überhaupt gibt.“

Jeder Keks ein paar Tropfen HVO

Um das Thema Palmöl generell einzuordnen, gilt es, dessen Nutzung zu betrachten: Laut dem Portal Statista (für 2024/25) wandern immer noch 64 Prozent des Palmöls in die Lebensmittelindustrie und nur 35 Prozent in die Industrie. Der Begriff „Industrie“ beinhaltet Nutzungen für Kosmetika, Reinigungsmittel sowie andere Anwendungen, unter anderem auch Biokraftstoffe. Das heißt, bei jedem Keks, der zum Kaffee gereicht wird, bei jedem Stück Kuchen oder jeder Portion Pommes Frites könnten aus dem Palmöl-Abfall immer auch ein paar Tropfen HVO anfallen.

Übrigens: Die „Verdrängungstheorie“ der DUH lässt sich auch auf die E-Mobilität anwenden. Denn E-Fahrzeuge fahren angeblich zu 100 Prozent emissionsfrei. Doch der Strom ist heute immer noch zu nur rund 50 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Sollte der grüne Strom nicht besser in Haushalten statt in Fahrzeugen genutzt werden, und zwar in Anwendungen, die nicht mit HVO oder anderen erneuerbaren Kraftstoffen betrieben werden können? Wir benötigen doch alle verfügbaren grünen Moleküle, nicht nur „grüne“ Elektronen. (aum)


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Bilder zum Artikel

Die ADAC-Straßenwacht setzt zukünftig auf den neuen VW Caddy. Die Pannenhilfefahrzeuge werden nach Möglichkeit mit HVO100 betankt.

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Photo: Autoren-Union Mobilität/ADAC


Beispielrechnung auf einer Tankquittung.

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Photo: via Autoren-Union Mobilität


Alle neuen Pkw-Modelle und leichten Nutzfahrzeuge von Stellantis mit Dieselmotor können HVO tanken (im Bild: 2.2 Multijet 4.0).

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Photo: Stellantis via Autoren-Union Mobilität


HVO-Diesel wird aus Altölen und Fettresten gewonnen.

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Photo: Skoda via Autoren-Union Mobilität


HVO-Zapfsäule.

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Photo: Aral via Autoren-Union Mobilität


HVO100 wird vorwiegend aus Rest- und Abfallstoffen wie zum Beispiel Altspeiseölen oder Restfetten hergestellt.

HVO100 wird vorwiegend aus Rest- und Abfallstoffen wie zum Beispiel Altspeiseölen oder Restfetten hergestellt.

Photo: Autoren-Union Mobilität/ADAC