Glosse: KI oder Kulturtechniken

Technologien geben uns viel, aber sie nehmen auch. So gewinnen wir Autofahrer mit jeder neuen Fahrzeuggeneration mehr Sicherheit durch Technologie und lernen, mit ihr umzugehen. Mit jedem neuen Lernschritt geht aber auch der Verlust von bisher Erlerntem einher. Um ein Auto sicher zu beherrschen, mussten Fahrer sich früher mühsam Fertigkeiten fürs richtige Handling aneignen. Diese Kulturtechniken verschwinden, seit die Künstliche Intelligenz (KI) an das Lenkrad drängt. Darf das geschehen? Oder muss KI nicht zwangsläufig übernehmen, wo doch der Mensch auch nach Jahrzehnten noch nicht einmal gelernt hat, richtig zu bremsen?

Das richtige Bremsen steht bei jedem Fahrsicherheitstraining auf dem Lehrgangsprogramm. Offenbar haben 40 Jahre ABS immer noch Trainingsbedarf hinterlassen. Dient das Bremsen lediglich als Sicherheits-Feigenblatt bei den Fahrerkursen? Fördern die Lehrgänge nicht mehr das Ego als die Sicherheit? An unserer Stelle tritt heute der Notbremsassistent voll rein. Die Navi mit ihrem Wissen um die Strecke vor uns und die Radar- und Kamerasensoren wissen, was um unser Fahrzeug vor sich geht, steht und fährt. Aktuatoren halten die Spur, helfen beim Einlenken und verpassen uns den richtigen Vortrieb an einem, zwei, drei oder an allen vier Rädern – und im Zweifelsfall ruft das Auto den Abschleppwagen.

Und dabei reden wir noch nicht einmal übers autonome Fahren. Eines Tages werden wir damit zufrieden sein müssen, wenn uns die Künstliche Intelligenz unseres Autos überhaupt ans Steuer lässt. Das Maß an Technologie im Rücken des Fahrers lässt das berühmte Popometer doch jetzt schon als eine überlebte Idee der Evolution erscheinen. Da suchen wir die exotische Umgebung, um Popometer und die alten Kulturtechniken des Autofahrens nicht zu vergessen. Hunderte von uns ziehen dafür Jahr für Jahr in den nordischen Winter, um sich auf Schnee und Eis zu beweisen, dass sie noch nichts verlernt haben und immer noch lernfähig sind – und das ganz natürlich und nicht künstlich.

Auf dem Schnee-Handlingkurs oder dem Eiskreis auf dem zugefrorenen See gewinnen die meisten Fahrer die Gewissheit, ohne Driften, nur mit den Bordsystemen seien sie schneller als mit dem Heck voran durch die Kurve – den Instruktoren zum Trotz. Einer der großen und langen Altmeister der alten Kulturtechnik des Autofahrens ist da ganz anderer Meinung. Hans-Joachim Stuck. Er fährt schneller als die moderne Technik: „Das habe ich doch gerade bewiesen“, erinnert er uns an die Tour mit einem Serien-Skoda neben ihm über den Handlingkurs bei minus 15 Grad Tageshöchsttemperatur.

„Wenn man bei Skoda mit der Einstellung ESP Sport fährt, dann lässt das noch sehr viel Freiheit und trotzdem hat man noch ein gewisses Quantum Sicherheit dabei“, sagt Stuck und erinnert daran, dass das unter besonderen Bedingungen – zum Beispiel bei Schnee und bergauf – es sogar richtig sein kann, die Fahrdynamik- und Bremsregelungen auszuschalten. Doch immer ausschalten? „Das darf man auch nicht tun“, mahnt der Altmeister. Niemand könne die physikalischen Grenzen ausschalten. „Wenn ich zu schnell in eine Kurve hineinfahre, dann fliege ich eben raus“, weiß Stuck sicher auch aus eigener Erfahrung. „Dann ist es einfach aus; dann helfen die Systeme auch nicht.“

Also können Könner auf die Systeme verzichten? „Die helfen schon“, räumt Stuck ein. „Aber man darf sich nicht auf sie verlassen.“ Er führt die winterlichen Verhältnisse in Finnland an: „Hier wird nur geräumt und nicht gesalzen. Da weiß jeder Autofahrer, was ihn erwartet. Bei uns wird gestreut und dann glauben viele, es sei nicht glatt.“ Also doch das Fahren bei Glätte, das Einfangen eines ausbrechenden Hecks oder den Drift trainieren? Hans-Joachim Stuck hat da keine Zweifel: „Ich finde es gut, wenn einer mal auf einem freien Parkplatz das Driften ausprobiert. Dann sieht er mal, wie sich sein Auto in schnellen und zu schnell gefahrenen Kurven verhält.“

Und dann hält er ein Plädoyer für die alten Kulturtechniken des guten Autofahrens: „Der Popometer ist die Verbindung zwischen Straße und Auto. Den kann ich trainieren und so herausfinden, wann habe ich Grip, wann habe ich keinen Grip.“ Und Stuck wirbt für Fahrtrainings unter winterlichen Straßenverhältnissen: „Untersteuern, Übersteuern – da ist jeder Meter, den man auf Eis fahren kann, ein Zugewinn. Das gilt sogar für mich. Ich bin am dritten Tag hier auf dem Eis anders gefahren als am ersten“, berichtet er von seinem aktuellen Lehrgang am Polarkreis in Finnland. „Ich habe jeden Tag dazugelernt und nehme die Erfahrungen mit nachhause.“

Das lässt Hoffnung für autofahrende Menschen und die alten Kulturtechniken. Aber auch die künstliche Intelligenz lernt jeden Tag dazu. Wir werden wohl auch weiterhin beides trainieren müssen. Aber es wird nicht mehr lange dauern, dann wird uns eine App nicht nur vor Augen halten, wie dicht wir uns längs der Ideallinie bewegt haben. Unser Auto wird uns im Sommer wie im Winter den richtigen Drift lehren – vielleicht mit einem virtuellen Hans-Joachim Stuck auf dem Bildschirm, gell. (ampnet/Sm)


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Bilder zum Artikel

Winterdrift.

Winterdrift.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Skoda


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