Fahrbericht Maserati Quattroporte: Die S-Klasse aus Modena

Man stelle sich vor, eine deutsche Luxusmarke würde ihre neue Limousine schlicht „Viertürer“ nennen. Hölzern, langweilig, unmöglich. Wenn das Auto aber „Quattroporte“ heißt, liegt der Fall anders. Der Name hat Melodie, hat Schmelz, klingt nach etwas ganz Besonderem. Jetzt gibt es den Italiener mit V6-Biturbo-Motor.

Etwas Besonderes war es damals auch, 1963, als Maserati den ersten Quattroporte auflegte. Seither reklamiert die Firma die Erfindung des viertürigen Sportwagens für sich. Die jüngste Überarbeitung der sechsten Generation hat ein paar technische Lücken geschlossen und den Abstand zu den anderen Spielern in der Premium-Liga verkürzt. Oder gar egalisiert? Das zeigt der Praxistest.

Dank neuer Modelle und der Hinzunahme von Diesel-Antrieben ist die Dreizack-Marke in den letzten Jahren erheblich gewachsen. Seit 2013 hat sich der globale Absatz mehr als verdreifacht, wenn gleich das für 2015 angepeilte Ziel von 50 000 Fahrzeugen nicht erreicht wurde. Diese Marke konnte Maserati erst im vergangenen Jahr knacken. In Deutschland hat der Zuspruch überdurchschnittlich zugelegt. 2017 wurden fünfmal so viele Neuzulassungen registriert wie 2013. Neun von zehn deutschen Haltern sind Männer.

Es überrascht nicht, dass hierzulande das SUV Levante der beliebteste Maserati ist, zuletzt wurde das Zehnfache an Einheiten abgesetzt wie vom Quattroporte. Das Spitzenmodell hat es auch nicht ganz so einfach wie der Geländegänger, denn im Segment der großen Limousinen konkurriert er mit den deutschen Premium-Anbietern, wo Markentreue und Prestige wesentliche Faktoren sind.

Falsche Bescheidenheit kann man Maserati beim Zuschnitt der Karosserie aber nicht vorwerfen. Mit einer Länge von 5,26 Metern und einem Radstand von 3,17 Metern überragt die „S-Klasse“ aus Modena sogar die Langversion des Stuttgarter Originals. Dennoch wirkt das 1,48 Meter hohe Fahrzeug in den Proportionen ausgewogen und gar nicht so massig, wie er tatsächlich ist. Markentypisch und deshalb unverzichtbar ist der tief angebrachte Frontgrill mit seinen senkrechten Chromstreben, dessen Überarbeitung eine verstärkte dreidimensionale Wirkung mit sich brachte.

Zu den identitätsstiftenden Merkmalen gehören auch die drei vergitterten Entlüftungs-Öffnungen an den vorderen Kotflügeln. Voll-LED-Scheinwerfer erlauben schmale, in die Seiten hinein gezogene Lichtverglasung. Bis auf die geteilten Rückleuchten und die Vierfach-Ausfpuffblenden ist das Heck eher unspektakulär. Der Diffusor der Heckschürze unterstreicht den sportlichen Charakter des Viertürers. Die am Testwagen montierten 21-Zoll-Räder sind als Sonderausstattung für 5100 Euro zu haben, für die GranSport-Version werden sie serienmäßig mitgeliefert.

Das Interieur sucht bei großzügigem Platzangebot die Synthese zwischen sportlichem Ambiente und gehobenem Komfort. Von Tür zu Tür gemessen können sich die vorderen Insassen in einer 1,49 Metern breiten Kabine räkeln, hinten sind es nur fünf Zentimeter weniger. Die Beinfreiheit für die Fondpassagiere ist enorm, weshalb der Quattroporte fraglos auch als Chauffeurswagen seine Berechtigung hätte. Für die üppig belederten Polster sind verschiedene Mustersteppungen erhältlich, das Dreizacklogo auf den Kopfstützen ist obligatorisch. Der Kofferraum bietet ein Volumen von 530 Litern, die Ladekante ist 70 Zentimeter hoch.

Rote Ziernähte, verschwenderisch verteilte Applikationen aus Karbon sowie Edelstahlpedale werten die Optik des getesteten Fahrzeugs noch auf, sind aber ebenso wie der Alcantara-Dachhimmel nicht ausnahmslos im GranSport-Paket enthalten. Das dreispeichige Sportlenkrad hat Maserati ebenfalls neu konzipiert, das Angebot an Funktionstasten ist sparsam und zweckmäßig. Zu den neuen Komfortfeatures gehört ein Luftgütesensor, der bei externen Schadstoffbelastungen verhindert, dass störende oder schädliche Partikel in den Innenraum gelangen.

Beim Quattroporte SQ4 wird ein aufgeladener Dreiliter-V6-Motor mit einem automatischen Allradsystem kombiniert. Nach der jüngsten Leistungsspritze gibt das Aggregat 430 PS (316 kW) ab und wuchtet zwischen 2250 und 4000 Umdrehungen 580 Newtonmeter an die Hinterachse. Stellen die Sensoren dort verminderten Grip fest, wird ein Anteil von bis zu 50 Prozent an die Vorderräder geleitet. So wird sicher gestellt, dass die heckbetonte Auslegung des Antriebs nur im Bedarfsfall einer 4x4-Variante weicht. Das ausgeklügelte Traktionsmanagement berechnet für jedes Rad Schlupf, Lenk- und Gierwinkel sowie weitere Parameter und verspricht so einen Sicherheitsgewinn bei unklaren Straßenverhältnissen.

Die Güte der verwendeten ZF-Achtgangautomatik ist hinreichend bekannt und braucht deshalb nicht erneut gelobt zu werden. Die Schaltcharakteristik wird vom gewählten Fahrmodus und der autoadaptiven Softwaresteuerung bestimmt, es sei denn, der Fahrer oder die Fahrerin entscheidet sich für manuelle Gangwechsel per Schaltpaddel. Wie bei Maserati üblich sind diese fest mit der Lenksäule verbunden. Der klappengesteuerte Auspuff sorgt für einen überzeugenden Klang. Wer sich bei laufendem Motor hinter den Rücklichtern positioniert, wähnt sich akustisch in einen Yachthafen versetzt, wo der Kabinenkreuzer gerade zum Ablegen warmläuft.

Für Limousinen der Zwei-Tonnen-Klasse ist es eine besondere Herausforderung, sportlich-dynamischen Ansprüchen gerecht zu werden. Vor allem dann, wenn ihre Masse den Sollwert übersteigt. Das offizielle Datenblatt nennt für den SQ4 einen Wert von 1920 Kilogramm, gemessen wurden beim Testwagen (mit zu einem Viertel gefüllten Tank) 2070 kg. Die komfortorientierte Fahrwerksauslegung bleibt auch im Sportmodus erhalten, lediglich bei schlechtem Fahrbahnzustand wird die Verhärtung der Dämpfer spürbar und die Fuhre rollt etwas steifer ab. Auch im Normalmodus bleibt ein Verbrauch von unter zehn Litern ein unerfüllter Wunsch, doch 12,1 Liter/100 km wie in diesem Test können als leistungs- und gewichtsadäquat angesehen werden.

Zu den Merkmalen der Modellaufwertung gehören die erweiterten Fahrassistenzsysteme, die eine adaptive Geschwindigkeitsregelung inklusive Stop&Go, Spurverlassenswarnung, automatischen Notbremsassistent und Surround-View-Kamerasystem umfassen. Brembo-Bremsanlage sowie ein selbstsperrendes Hinterachs-Differenzial ergänzen die SQ4-Ausstattung. Die Infotainment-Funktionen sind über die 8,4-Zoll-Touchscreen oder alternativ über den Drehknopf an der Mittelkonsole bedienbar. Android Auto und Apple Car Play sind integriert, ein SD-Kartenleser sowie USB- und AUX-Buchsen erlauben den Anschluss mobiler Endgeräte.

Fazit: „Nicht alltäglich, aber für jeden Tag“ – so preist der Hersteller seine Produkte. Dass die große Maserati-Limousine nicht alltäglich ist, glaubt man unbesehen, denn das belegt schon die Exklusivität im Straßenbild. Durch die Stärkung von Ausstattung und Konnektivität hat die Marke ihr Spitzenmodell attraktiver und wettbewerbsfähiger im Vergleich zu anderen Luxus-Viertürern gemacht. Nur eines kann man sich in Modena nicht kaufen: Unauffälligkeit. (ampnet/afb)

Daten Maserati Quattroporte SQ4 GranSport

Länge x Breite x Höhe (in m): 5,26 x 1,95 x 1,48
Radstand (m): 3,17
Motor: V6-Ottomotor, 2979 ccm, Bi-Turbo, Direkteinspritzung
Leistung: 430 PS (316 kW) bei 5750 U/min
Max. Drehmoment: 580 Nm bei 2250 - 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 288 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 4,8 Sek.
ECE-Durchschnittsverbrauch: 9,7 Liter
Testverbrauch: 12,1 Liter
CO2-Emissionen(Normverbrauch): 226 g/km (Euro 6)
Tankinhalt: 80 Liter
Leergewicht Testwagen: 2070 kg
Kofferraumvolumen: 530 Liter
Basispreis: 114 910 Euro
Testwagenpreis: 135 560 Euro


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Maserati Quattroporte.

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Foto: Auto-Medienportal.Net/Axel F. Busse


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