Kommentar: Eine halbe Tiefkühlpizza für den Straßenbau

Es ist wie so häufig: Erst kurz vor Toresschluss wird ein Thema medial groß ausgebreitet, das schon einige Zeit vorher von einer Minderheit aufgegriffen worden ist. Es geht um die Kraftfahrzeugsteuer, genauer gesagt um WLTP. Die Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure ist ab September bei allen Neuwagen Berechnungsgrundlage für den Normverbrauch und damit für den Schadstoffausstoß und damit für die Kfz-Steuer.

Das bedeutet in den meisten Fällen, dass künftig mehr bezahlt werden muss. Denn fast jeder weiß, dass der bisher gültige Neue Europäische Fahrzyklus (NEFZ) die Wirklichkeit nur unzureichend abgebildet hat, will meinen, der unter Laborbedingungen ermittelte Verbrauchswert erwies sich im Alltag als zu niedrig. So kommt es jetzt wie es kommen soll: Die Normverbräuche liegen in der Regel höher und damit muss auch die Steuer angehoben werden. Die Medien greifen dies kurz vor dem Stichtag gerne auf und haben auch gleich fast unisono ein schlagkräftiges Verb gefunden: treiben. „WLTP treibt die Kfz-Steuer in die Höhe“ ist beinahe überall zu hören und zu lesen.

Nehmen wir ein Beispiel: Der Automobil Club Europa (ACE) nennt einen BMW 218i Active Tourer Sportline. Für dieses Fahrzeug steigt die Steuer um exakt 50 Prozent. Der NEFZ kam auf 132 Gramm CO2 pro Kilometer, nach WLTP sind es nun 158 Gramm. Macht unterm Strich statt 104 Euro Abgabe an den Staat für einen Neuwagenkäufer künftig 156 Euro.

52 Euro Unterschied? Pro Jahr! Macht pro Monat etwa 4,33 Euro und pro Woche knapp 1,10 Euro. Das entspricht ungefähr einer halben Tiefkühlpizza oder einer Tafel Schokolade. Zugegeben, für einen VW Touareg mit 3,0 Liter großem Dieselmotor sind es nach ADAC-Angaben 96 Euro mehr. Das ist für dieses Auto roundabout eine Tankfüllung – wohlgemerkt, im Jahr. Das darf einem eine intakte Infrastruktur durchaus wert sein – vorausgesetzt, das Geld würde auch tatsächlich in den Erhalt unserer immer maroderen Straßen fließen. Unter diesen Umständen hätte ich nichts dagegen, alle zwei Wochen auf eine Tiefkühlpizza zu verzichten.

Der ACE weist übrigens darauf hin, dass es auch Gegenbeispiele gibt. Etwa den Subaru Outback 2.5i Sport Lineartronic. Hier wurde der CO2-Wert von 226 Gramm je Kilometer auf 193 Gramm nach unten korrigiert. Das ergibt eine Ersparnis von 21 Prozent bzw. 66 Euro. Guten Appetit. (ampnet/jri)


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Jens Riedel.

Jens Riedel.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Riedel