Österreicher wollen den Verkehrskollaps mit Macht vermeiden

Was die Österreicher neuerdings mit deutschen Transitreisenden in Richtung Süden machen, ist kein Update 2.0 für die erfolgreiche Ösi-Klage gegen die deutsche Infrastrukturabgabe (vulgo: Ausländermaut) vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch wenn die Luxemburger Entscheidung den Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder tief ins bajuwarische Mark getroffen hat: Er sollte es sich ersparen, seinerseits gegen die Nachbarn im Süden einen verbalen Krieg vom Zaun zu brechen und – wie angekündigt – vor den EU-Kadi ziehen. Er darf nicht vergessen, dass die meisten Autofahrer auf dem Weg nach Rimini, Rom oder Reggio die Calabria, denen ein Verlassen der gebührenpflichtigen Autobahn verwehrt wurde, dafür Verständnis aufbrachten.

Und was sind schon die 18 Euro, die für zwei Zehn-Tages-"Pickerl" zu löhnen sind, wenn sie darüber hinaus keinen einzigen Cent in Österreich lassen mussten, weil die Brennerautobahn (Hin- und Rückfahrt 19 Euro) bislang von der Benutzungspflicht ausgenommen ist. Außerdem kam der Mautstraßen-Zwang nicht nur den Kassen der „ASFINAG“, also der österreichischen Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft zugute, sondern gleichermaßen so manchem Urlauber aus Deutschland.
Die Deutschen, die sich am Wilden Kaiser zwischen St. Johann und Kufstein erholen wollen oder Wanderer, die am Rand des Zugspitzmassivs in Seefeld oder Leutasch reine Alpenluft atmen möchten, dürften die Sperre der Ausweichstrecken abseits der Mautstrecken begrüßt haben.

Noch nicht einmal in den Kiosken abseits der Autobahn, bei denen die Wochenendkonjunktur mit Stroh-Rum und anderem billigen Fusel eine Baisse erlebt haben dürfte, verfielen in lautstarkes Wehklagen.
„Wir schützen damit unsere Bevölkerung und Gäste vor Ort, während Durchreisende ihren Weg auf der dafür vorgesehenen Route fortsetzen können“, begründet der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter die Fahrverbote in Tirol. In- und Ausländer müssten sich gleichermaßen daran halten. „Wenn Dörfer vom Ausweichverkehr derart verstopft sind, dass nicht einmal mehr für Einsatzkräfte ein Durchkommen ist, dann ist Handeln gefragt."

Doch die jetzigen Einschnitte in die mobile Freiheit auf den Straßen Tirols sind erst der Anfang. Schlimmer könnte es demnächst Motorradfahrer im Außerfern an den Kragen gehen, also in der von Innsbruck aus gesehenen Gegend außerhalb des Fernpasses. Hier rumort es bei einheimischen Dörflern und deutschen Sommerfrischlern schon seit geraumer Zeit erheblich wegen bisweilen zwischen Frühjahr und Herbst bis an die Schmerzgrenze anschwellender Lautstärke. Sie fordern Totalsperren für Motorräder auf bestimmten Strecken. Wer einmal erlebt hat, was Sache in engen Alpentälern ist, wenn ein kompletter Harley-Davidson-Fanclub auf seinen Maschinen beschleunigt, kann nachempfinden, wovon hier die Rede ist.

Die Strecke vom Allgäu über den Oberjochpass mit seinen zehn Kehren und einer Fülle weiterer Kurven auf einer Strecke von 20 Kilometern ins Tannheimer Tal gehört zu den Höhepunkten alpenländischer Orgien auf zwei Rädern – sehr zum Ärger von Bewohnern und Gästen in den beschaulichen Dörfern wie Schattwald, Tannheim oder Nesselwängle. Anschließend führt die Route über den kaum weniger kurvenreichen Gaichtpass ins Lechtal und von dort weiter über das Hahntennjoch zwischen Elmen im Lech- und Imst im Inntal. „Ein bei Bikern beliebter Pass, denn die gut ausgebaute, kurvenreiche Strecke ist für LKW, Busse und Wohnanhänger gesperrt", schwärmt die Internetseite „Kurvenkönig.de".

Überlegungen, diesem Lärmtourismus einen Riegel vorzuschieben, gibt es schon lange. Doch erst am vorletzten Juniwochenende setzte sich ein Teil der Anrainer durch und machte ernst. Ab Sonntag, den 23. Juni um neun Uhr verstummte bis 16 Uhr jeglicher Motorenlärm am Hahntennjoch. Die „IG Xund’s Lechtl“ und das „Transitforum“ hatten zu einer Bürgerversammlung geladen, die gegen den Motorradlärm mobil machte.

Dass gleichzeitig Einwohner und Gäste in den an der Strecke liegenden Weilern wie zum Beispiel Pfafflar in dieser Zeit praktisch eingesperrt und ihrer Freiheit beraubt waren, wurde als Kollateralschaden in Kauf genommen. „Hüttengäste mussten um fünf Uhr geweckt werden, um noch rechtzeitig aus dem Tal zu kommen", berichtete die „Tiroler Tageszeitung". Im gleichen Blatt erklärte der Geschäftsführer von Imst Tourismus, Thomas Köhle, „dass diese Art des Protestes Schule machen könnte und wir von weiteren Blockaden betroffen sein könnten“.

Dann wären die Folgen für Kleinunternehmer im Lechtal vom motorradfreundlichen Hotelier über den Campingplatz-Betreiber und den Raststätten-Inhaber erheblicher als durch eine zeitweise verpflichtende Benutzung von Mautstrecken für Transitreisende. „50 Prozent der Häuser im Lechtal profitiert von den Motorradausflüglern", schätzt ein Hotelier in der Gemeinde Bach am Lech. Bleibt zu hoffen, dass ihnen die Pleite erspart und den Bikern nicht das Vergnügen rigoros verboten wird. Sie sollten sich allerdings ein wenig mit dem Gasgeben bremsen, was der Lautstärke ihrer Maschinen zugute käme. (ampnet/hrr)


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Touren durch die Alpen bedeuten für Biker höchstes Vergnügen, nicht für alle Anwohner.

Touren durch die Alpen bedeuten für Biker höchstes Vergnügen, nicht für alle Anwohner.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Pixabay


Touren durch die Alpen bedeuten für Biker höchstes Vergnügen.

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Foto: Auto-Medienportal.Net/Pixabay