Glosse: Eine Wortklauberei

Worte sind Waffen. Manche Worte ersetzen sogar ein ganzes Argument, sind tödlich, indem sie Erfahrungen und Vorurteile auf ein paar Buchstaben projizieren und so jede Debatte und jeden Zweifel ersticken. Jede Zeit kennt solche Killer-Begriffe. „Nazi“ war und ist so einer; „Rassist“ ist der aktuell wirksamste. Es gibt im täglichen Leben aber auch Begriffe mit einer längeren Halbwertzeit, solche, die uns schon lange begleiten und noch länger in Nachrichten, Debatten und Wortgefechten eingesetzt werden, um eine gewünschte Grundstimmung auszulösen. Einer davon begegnet uns regelmäßig: der „Raser“.

Weder wollen wir den Rassisten in Schutz nehmen und ganz bestimmt keine Sympathie für Menschen äußern, die nichts dazugelernt haben. Wir wollen mit diesen Beispielen den Mechanismus zeigen, mit dem solche Begriffe das Gehirn auf dem kurzen Weg so auf Kurs bringen kann, dass an Zweifeln kein Bedarf mehr besteht. Das Urteil steht fest. Der Raser ist der Verantwortungslose, gar der Skrupellose, der sich unbegreiflicher und unentschuldbarer Weise außerhalb der menschlichen und sozialen Normen durch den Verkehr bewegt: ein echter Asozialer, der Schranken aufgezeigt bekommen muss, hart und gnadenlos.

Jeder von uns ist ein Raser. Jeder erinnert sich vermutlich an viele Situationen, in denen er besser langsamer vorangegangen oder gefahren wäre. Wenn es denn kracht, hat die Polizei dafür einen flexiblen Begriff, den von der „unangepassten Geschwindigkeit“. In den Meldungen der Medien wird aus „unangepasst“ umgehend „zu schnell“, was wiederum direkt zum „Rasen“ führt. Dabei können 8 km/h ebenso zu schnell sein wie 80 km/h oder 180 km/h. Man hat auch schon Pampers-Raser auf Bobby-Cars erwischt, die viel zu schnell waren.

Alles ist relativ. Deswegen hat ein Begriff wie „Raser“ in der Sprache von Nachrichtenredakteuren nichts zu suchen. Es gehört zu ihren Pflichten, eigentlich sogar zu ihrem berufsethischen Selbstverständnis, sprachliche „Shortcuts“ ganz selbstverständlich ebenso zu vermeiden wie Anglizismen. Dennoch begegnet uns der Raser in den Medien weit häufiger als auf der Straße. Warum wohl besonders in Zeiten, in denen ein Tempolimit zum Kern eines Parteiprogramms zu werden scheint? (ampnet/Sm)



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Peter Schwerdtmann.

Peter Schwerdtmann.

Foto: Auto-Medienportal.Net