Historie und Histörchen (91): Nicht nur Flics stören die Idylle

Stefan Huy wollte den Finger in die Wunde legen. Der WDR-Redakteur und seine Frau Bruni, ebenfalls WDR, hatten mich auf dem Caravan- Salon in Essen (wirklich nicht Düsseldorf) unter Druck gesetzt. Es gebe gar keine Stellplätze für die Wohnmobile. Die Branche lüge die Interessenten doch eiskalt an und locke mit der heilen Welt und Sonnenuntergang. Dabei rufe doch sogar schon das Übernachten am Straßenrand oder auf dem Parkplatz die Polizei auf den Plan.

Es stimmte: Die Rechtslage war klar. Und so richtig gegen den Vorwurf wehren konnte auch ich als Pressemann der Westfalia-Werke nicht so richtig. Gerade mal zwei Wochen vorher hatte mir die Polizei in Monte Carlo meinen Sven Hedin beschlagnahmen wollen, nur weil wir kurz nach Sonnenaufgang neben dem menschenleeren Badestrand westlich des Casinos Frühstück vorbereiteten, während meine Tochter im Mittelmeer plantschte. Ein Traum, bis Flics diese Idylle zerstörten. Nicole musste triefend nass einsteigen, und wir verschwanden so schnell, wie die 75 PS es zuließen.

Stefan und Bruni, die heute in Christchurch (Neuseeland) leben, hatten damals recht mit ihrem Vorwurf. Meine einzige Chance, eine Diskussion in den Medien während des Salons zu verhindern, war Zeitgewinn.

Ich bekam vier Wochen Frist eingeräumt. Das passt deswegen gut, weil ich nach der Messe unbedingt etwas für mich selbst unternehmen musste. Man sagt, das Fasten fördere die Kreativität. Ich kann das bestätigen, denn ich brauchte keine vier Wochen, bis auf meiner Reiseschreibmaschine in der Klinik in Witzenhausen das Konzept entstanden. Stefan und Bruni waren zufrieden und hielten still. Ich bekam wieder Zeit, aus dem Plan Wirklichkeit werden zu lassen.

Beim nächsten Salon fanden wir zusammen: Richard Köbberling, mein Freund und Pressechef bei Volkswagen Nutzfahrzeug und Ludwig Reiner, im Städtchen Viechtach Verkehrssdirektor („Ich bin koa direckter Direkter“). So wurde der Bayerische Wald zu unserem Testgelände und die „Schnitzmühle“ am Ufer des Schwarzen Regen zu unserem Hauptquartier.

Die Grundidee damals war: Wenn uns die Polizei nicht von Straßen und Parkplätzen verjagen soll, dann müssen wir es eben bei den Privaten versuchen. Die wollten wir mit ein paar Zahlen und vielen guten Ratschlägen locken. Nach vielen Diskussionen mit dem Bürgermeister, der immer noch sauer war, weil ihm der ungenehmigte Kauf eines Unimog für die Gemeinde fast unter 90 Prozent hätte abstürzen lassen, und viel Freibier für Bauern und Gastwirte bei Bürgerversammlungen stand der Plan.

Wir lockten beide Seiten. Die Wohnmobilisten mit Stellplätzen und die Stellplatzbesitzer mit Geld. Wir rechneten vor, dass jedes Wohnmobil pro Tag in der Gemeinde etwa 100 DM ausgibt, unter anderem für die Gastronomie. Also entwickelten wir einen kleinen Reiseführer zu den diversen Lokationen und Lokalen in und um Viechtach und lobten Stellplätze mit Hilfe von Speisekarten aus.

Dann holten wir uns von Dr. Wolfgang Bouska, damals der Betreuer der Straßenverkehrsordnung in der bayerischen Staatregierung, die Genehmigung, unter die Parkplatzschilder bei den teilnehmenden Viechtachern ein Zusatzschild anbringen zu können. Das zeigte die Silhouette des damals mit weitem Abstand beliebtesten Wohnmobils, des Westfalia Joker mit offenem Aufstelldach.

Das Modell Viechtach war geboren, Anfang der 80ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und mit großer Unterstützung nicht nur der Fachmedien.

Es ist eben alles schon einmal dagewesen.

*

Vor drei Jahren fragte mich ein Vertreter meiner Heimatstadt Stadthagen, ob ich etwas dagegen hätte, wenn hinter meinem Grundstück ein paar Wohnmobile parken würden. Wie hätte ich Nein sagen können. Wenn ich heute aus dem Büro schaue, dann steht dort in diesen Tagen mindestens ein Dutzend, und nicht die kleinen Joker, die heute California heißen, sondern Dickschiffe. Und das tagelang mit Campingleben darum herum.

So war das Modell Viechtach allerdings nicht gedacht. Es sollte das Autowandern in der Region fördern, aber nicht das billige „Dauercampen“ von Senioren in dicken Vollintegrierten. Das Problem muss nun gelöst werden, wenn das Wohn- oder Reisemobil nicht wieder an seine Grenzen kommen soll. Hoffentlich reichen die Bemühungen, die der Verband jetzt auf dem Caravan-Salon in Düsseldorf (nicht in Essen) vorgestellt hat. Wir haben damals vor fast vierzig Jahren unsere Hausaufgaben gemacht. (ampnet/Sm)


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Bilder zum Artikel

Modell Viechtach.

Modell Viechtach.

Foto: Auto-Medienportal.Net


Modell Viechtach.

Modell Viechtach.

Foto: Auto-Medienportal.Net


Modell Viechtach: Der Senior der Schnitzmühle stand Modell mit Angel.

Modell Viechtach: Der Senior der Schnitzmühle stand Modell mit Angel.

Foto: Auto-Medienportal.Net


Modell Viechtach: Zwei von mehr als zwei Dutzend Stellplätzen, hier soagr auf Campingplätzen zu Sonderkonditionen.

Modell Viechtach: Zwei von mehr als zwei Dutzend Stellplätzen, hier soagr auf Campingplätzen zu Sonderkonditionen.

Foto: Auto-Medienportal.Net


Modell Viechtach: Tipps, noch nicht veraltet.

Modell Viechtach: Tipps, noch nicht veraltet.

Foto: Auto-Medienportal.Net