Wortklauberei (25): Die Farbe liegt im Auge des Betrachters

Waren wir 2011 nach der Katastrophe von Fukushima nicht zumindest klammheimlich alle begeistert vom Beschluss, in Deutschland aus der Kernenergie auszusteigen? Die Bundeskanzlerin ergab sich der höheren Einsicht und ein bisschen auch der Anti-Atomkraftbewegung. Grüner konnte eine CDU-Kanzlerin kaum handeln. Mit ihrer „Wir-schaffen-das“-Mentalität holte sie damals schon die meisten Bürger in die grüne Ecke. Sie versprach, die Zeit reiche, um nachhaltige Energiequellen zu gewinnen. Wind, Sonne und Wasser müssen wir nur anzapfen.

Doch die Zeit fraß auch diese Strategie. Planungsbürokratie, Länder-Egoismen und Bürgerinitiativen, die den grünen Gedanken ganz selbstverständlich für sich reklamierten, stellen sich bis heute den Alternativen entgegen. Dabei war eigentlich jedem klar, dass Kernenergie Risiken birgt und auf Tausende Jahre hin tödlichen Müll bringt.

Das Ergebnis zur Politik, abzulesen am deutschen Strommix des dritten Quartals 2021:
Kohle: 31,9 Prozent, 5,5 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2020
Kernenergie: 12,9 Prozent, 1,3 Prozent mehr
Erdgas: 14,4 Prozent, 5,7 Prozent weniger
Sonstige: 2,4 Prozent nach 2,1 Prozent
Windkraft: 17,1 Prozent in 2020 nach 16,6 Prozent in 2020
Biogas: 6,0 Prozent nach 6,1 Prozent
Photovoltaik: 13,3 Prozent nach 13,8 Prozent
Wasserkraft: 4,2 Prozent nach 3,6 Prozent
Sonstige: 3 Prozent nach 3,3 Prozent

Mit anderen Worten: Die nachhaltigen Quellen wären zwar rein von den Zahlen her in der Lage, die Kernkraft in Deutschland mit grünem Strom zu ersetzen.

Doch dann kam das Klima und mit ihm die grünste Übereinstimmung aller Parteien, hier müsse schnell gehandelt werden. Kohleausstieg bis 2030 will die neue Koalition erreichen und wieder dieser grüne Grundkonsens in der Republik: Kohle stinkt, ist wenig sexy und bietet kaum Chancen für Greenwashing.

Und dann kam noch das Jahresende 2021 und mit ihm die Abschaltung von drei der letzten deutsche Atomkraftwerke. Ein grundgrüner Traum wurde wahr. Und ein tiefgrüner Albtraum ward entstanden. 13 Prozent Strom aus Kernkraftwerken kann zur Zeit nur durch mehr Kohleverstromung und zusätzlich hochgefahrene Erdgas-Kraftwerke ersetzt werden: Nun stehen früher sehr militante Kernkraftgegner gegen aktuell nicht weniger militante Gegner des Kohle-Tagebergbaus – und beide tragen die Sonnenblume am Revers, so sie eines haben. Sie sitzen sogar in einer Regierung.

An diesem Beispiel wird der Bürger bald erkennen können, ob die Ampel wirklich die Kraft hat, Entscheidungen auf rationaler Basis zu treffen, ob die verschiedenen grünen und grün angehauchten Fraktionen zu zielgerichteten, sinnvollen Lösungen kommen können oder Dogmen doch stärker sind als der Verstand.

Wäre es nicht wunderbar, wenn wir statt eines Glaubenskriegs über grüne Schattierungen sachliche Debatten führten, zum Beispiel mit dem Beschluss, die Kernkraft noch so lange am Netz zu lassen, bis die nachhaltigen Stromquellen und die passenden Stromtrasse nun endlich in der ursprünglich versprochenen Geschwindigkeit ausgebaut werden. Dann würde der Plan mit dem Kohleausstieg 2030 nicht nur wie eine grüne Utopie erscheinen.

Leider stellt uns gerade in diesen Tagen die EU einen Haken, weil Frankreich und andere die Kernenergie für die grünste überhaupt halten. Und die US-Präsidenten haben Russlands Putin in der Idee bestärkt, sein Erdgas eigne sich hervorragend als Druckmittel – und grün ist es auch, zumindest grüner.

Hat jemand gesagt, es wird einfach? Aber eines scheint sicher: Grünes Klein-Klein wird die Suche nach unserer Strategie nicht erleichtern. Irgendwo außerhalb der grünen Denkschemata existiert eine Lösung, die das Klima eher schützt als nationales Ringen entlang eingefleischter Glaubensgrundsätze. Nun zeigt uns bitte mal die angekündigte pragmatische Art für die Entwicklung sachorientierter Lösungen, mit der ihr als Ampel angetreten seid. (aum/Peter Schwerdtmann)


Sie wollen den Artikel oder die Bilder und Videos herunterladen?
Dann registrieren Sie sich bitte als Nutzer des Car-Editors.net!


Bilder zum Artikel

Peter Schwerdtmann.

Peter Schwerdtmann.

Foto: Auto-Medienportal.Net