Im Bocksbeutelland ist der Oktober goldener

Den Regionen, in denen Wein angebaut wird, wohnt meist ein sehr lieblicher Reiz inne. Besonders im Oktober, wenn der Herbst die Blätter der Reben zu leuchtenden Farbtupfern macht, reist es sich dort am schönsten. Wir waren ein paar Tage mit dem Reisemobil in Weinfranken unterwegs und haben das Farbenspiel mehr als genossen. Genauer gesagt, in der Mainschleife bei Volkach. Stell- und Campingplätze gibt es dort in außergewöhnlich großer Zahl, Winzer und empfehlenswerte Gaststätten ebenso.

Die Rundreise beginnt mit einer Übernachtung auf dem Campingplatz in der Winzergemeinde Escherndorf. Der liegt direkt am Fluss, besser gesagt, am Alt-Main. Das ursprüngliche mäandernde Flussbett dient heute nur noch den Freizeit-Kapitänen und Kanuten, die Berufsschifffahrt nimmt den Weg durch den 1957 in Betrieb genommenen Main-Kanal. Der Durchstich halbiert die Länge der Strecke, die Frachter früher um die Orte Nordheim und Sommerach herum nehmen mussten auf sechs Kilometer. Entstanden ist dabei die „Weininsel“, ein nur über Brücken oder Fähren erreichbares Anbaugebiet, das vor allem Radfahrer lockt. Das Terrain ist weitgehend eben, die gut ausgebauten Radweg können ganz nach Anspruch und Fitness entlang des Flusses bis nach Schweinfurt oder Sulzfeld und darüber hinaus befahren werden.

Eine Seilfähre direkt neben dem Campingplatz Escherndorf bringt Radler und Personenwagen ans andere Ufer. Bis zu fünf Tonnen dürfen die Fahrzeuge wiegen. Morelo- und Concorde Eigenheime gelangen zumindest auf diesem Weg nicht auf die Weininsel und den Nordheimer Stellplatz. Der bietet für zwölf Euro je Nacht Ver- und Entsorgung sowie Stromanschlüsse, auch öffentliche Toiletten sind vorhanden.

Der Campingplatz auf der anderen Seite des Alt-Mains kostet für ein Mobil mit zwei Campern 22 Euro, dafür gibt es hier sehr gepflegte Sanitäranlagen mit heißen Duschen. Sein Restaurant kämpft mit dem Personalmangel, das Angebot an Speisen ist dennoch veritabel. Stilvoller diniert es sich im Restaurant des Hotels Vogelsburg, das hoch in den Weinbergen gelegen nicht nur anspruchsvolle Gourmets zufrieden stellt, sondern auch einen unvergleichlichen Blick auf das fränkische Weinland erlaubt. Und wer den kräftig ansteigenden Weg auf die Höhe geschafft hat, sollte noch einen Abstecher zur Wallfahrtkirche Maria im Weinberg machen. Der Eintritt kostet zwar zwei Euro, doch hier lässt sich die berühmte Marienstatue von Tillmann Riemenschneider bewundern, die der Künstler 1524 erschaffen hat.

Der Abstecher ins quirlige Volkach lohnt immer. Dutzende Cafés und Restaurant laden in der verkehrsberuhigten Innenstadt ein, der Marktplatz mit seinem historischen Rathaus bietet ein malerisches Panorama. Geparkt wird vorzugsweise unten am Main, wo ein weiterer Stellplatz auf mobile Übernachtungsgäste wartet. Dort befinden sich auch die Anlegestellen der Ausflugschiffe, die zumindest während der Hochsaison zu unterhaltsamen Fahrten ablegen. Aber Saison ist in Volkach im Grunde immer, besonders gut besucht ist das Städtchen im August, wenn die regionalen Winzer ihr traditionelles Weinfest ausrichten.

Unsere Fahrt führt etwas abseits des Trubels weiter und endet nach kaum 20 Kilometer im Weinort Zeilitzheim. Dort hält die Winzerfamilie Herbert sieben Stellplätze, alle mit Strom versorgt, bereit. Für 15 Euro darf man dort übernachten, wer möchte, bekommt vertrauensvoll den Schlüssel zur Weinstube ausgehändigt, „falls sie mal auf die Toilette müssen“. Geöffnet hat die Weinstube eigentlich nur am Wochenende, aber eine Brotzeit, so der Chef, gibt es immer bei uns. Die Terrasse ist lauschig und der Wein schmeckt. Die Küche ist klassisch fränkisch, Hauswurst und Sauerkraut duften bis nach draußen, außerdem werden Spezialitäten wie Burgunderbraten und Surfleisch angeboten. Der Ort selbst hat jedoch außer einem Geldautomaten keine Besonderheiten zu bieten.

Deshalb geht’s am nächsten Tag bei immer noch strahlendem Sonnenschein weiter nach Wipfeld, was wiederum auf der anderen, nördlichen Mainseite gelegen ist und mit einem historischen Ortskern sowie einem Stellplatz direkt am Fluss lockt. Allerdings wird der kurze Weg wegen des Motorschadens der Fähre zwischen der St. Ludwig Mainaue und Wipfeld verlängert. Erst in Grafenrheinfeld gibt es die nächste Brücke.

Der Stellplatz ist phantastisch, im Übernachtungspreis von acht Euro ist die Nutzung der einfachen, aber sauberen Toiletten eingeschlossen, seine Lage direkt vor der Schleusenanlage sorgt für Unterhaltung, denn die Schubverbände dürfen bis zu 180 Meter lang sein und es ist immer wieder eindrucksvoll zu sehen, wie routiniert die Kapitäne ihre Frachter zentimetergenau durch die Schleusentore manövrieren. Auch hier führt ein feiner Radweg am Fluss entlang. Und immer wieder gibt es Einkehrmöglichkeiten, kleine Cafés, Biergärten und Weinschänken.

Die Tour durch das fränkische Weinland und die Mainschleife neigt sich dem Ende zu, letztes Ziel ist die kreisfreie Stadt Schweinfurt. Hier liegt der Stellplatz am Rande eines Industriegebietes und ebenfalls an einem alten Main-Arm, ist trotzdem ruhig und kostet zehn Euro je Nacht. Im Baumarkt nebenan kann die leere Gasflasche gegen eine volle getauscht werden, in der anderen Richtung ist das Stadtzentrum in kaum mehr als zehn Minuten zu erreichen.

Dort stoßen wir direkt auf das Museum Georg Schäfer mit seiner eindrucksvollen Architektur. Die Pläne stammen vom Stararchitekten Mies van der Rohe. Innen findet sich die größte Spitzweg-Sammlung der Welt und eine respektable Zahl von Werken aus dem 19. und 20. Jahrhundert, etwa von Caspar David Friedrich, Max Liebermann und Adolph Menzel. Der Eintritt kostet fünf Euro.

Gleich dahinter weitet sich der Marktplatz mit dem barocken Rathaus, die Industriestadt, in der früher Fichtel und Sachs zu Hause war, beherbergt heute große Fabriken, unter anderem von ZF. Immerhin: Hier wurden die das Tretkurbelfahrrad, die Kugelschleifmaschine (wichtig für Kugellager), der Fahrradfreilauf und die Rücktrittbremse erfunden. Und 1920 entwickelte Fritz Stöcklein den modernen Fußball wie wir ihn heute kennen, mit einem Rückschlagventil fürs einfach Aufpumpen.

Nur vier Tage waren wir unterwegs, doch der Erholungswert ist erheblich. Wohl auch deshalb, weil das Wetter gut war und der Sonnenschein Weinfranken im Herbst in eine farbensprühende Landschaft verwandelt hatte. Es ist kein Märchen, dass der Oktober hier im Bocksbeutelland wirklich etwas goldener als anderswo ist. (Michael Kirchberger, cen)

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Bilder zum Artikel

Reisemobiltour Mainschleife

Reisemobiltour Mainschleife

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Kirchberger


Reisemobiltour Mainschleife: Maria im Weinberg.

Reisemobiltour Mainschleife: Maria im Weinberg.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Frankentourismus/Helmut Leue


Reisemobiltour Mainschleife: Unser Kabe auf dem Campingplatz Escherndorf.

Reisemobiltour Mainschleife: Unser Kabe auf dem Campingplatz Escherndorf.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Kirchberger


Reisemobiltour Mainschleife: Campingplatz Wipfeld direkt am Main.

Reisemobiltour Mainschleife: Campingplatz Wipfeld direkt am Main.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Kirchberger


Reisemobiltour Mainschleife; Das Rathaus in Volkach.

Reisemobiltour Mainschleife; Das Rathaus in Volkach.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Kirchberger


Reisemobiltour Mainschleife: Schweinfurt.

Reisemobiltour Mainschleife: Schweinfurt.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Kirchberger


Reisemobiltour Mainschleife: Vogelsburg.

Reisemobiltour Mainschleife: Vogelsburg.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Frankentourismus/Holger Leue


Reisemobiltour Mainschleife: Wipfeld.

Reisemobiltour Mainschleife: Wipfeld.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Kirchberger


Reisemobiltour Mainschleife: Zu Fuß in Volkach.

Reisemobiltour Mainschleife: Zu Fuß in Volkach.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Kirchberger