Interview POK Sebastian Fabich: Auf zwei Rädern sicher durch den Harz

Der Harz gehört zu den bekanntesten Motorradrevieren in Deutschland und wird auch bei Tourenfahrern aus Dänemark oder den Niederlanden wegen seiner Lage immer beliebter. Das führt aber auch zu einer Häufung von Unfällen und Verkehrsdelikten zu. Michael Praschak sprach mit Polizeioberkommissar Sebastian Fabich von der Polizei Sachsen-Anhalt über die zunnehmenden Probleme und mögliche Lösungen. Der Beamte ist Ansprechpartner für die Verkehrssicherheitsaktion „Sicher durch den Harz”.

Sebastian, Du hast in deinem Berufsalltag als Polizeioberkommissar viele Berührungspunkte mit Motorradfahrern und Motorradfahrerinnen in einer der beliebtesten Motorradregionen Deutschlands zu tun. Fährst Du selbst Motorrad?

„Tatsächlich kam erst der Job und dann das Motorrad. Es hat dann aber noch drei, vier Jahre und einige Weiterbildungen und Lehrgänge gedauert, bis ich auch in Kontrollen und für die Aktion ,Sicher durch den Harz‘ tätig geworden bin. Es gibt ja schon Motorradfahrer, die es drauf anlegen und da ich ja privat Motorrad fahre, hat sich das Interesse entwickelt, im Rahmen von Präventionsarbeit mit Motorradfahrern darüber ins Gespräch zu kommen.“

Für Kurvenfahrten ist der Harz hervorragend geeignet und auch noch nicht ganz so viel befahren, wie zum Beispiel Schwarzwald oder gar die Alpen. Also ein kleiner Geheimtipp.

„Aktuell ist das noch so, aber auch hier hat sich das in den letzten Jahren stark entwickelt. Während der Corona-Phase gab es einen leichten Rückgang, wir haben aber inzwischen viele Touristen, selbst aus Dänemark und den Niederlanden kommen sowohl Pkw- als auch Motorradfahrer – zum Beispiel für Wochenendausflüge – in den Harz.“

Welche Delikte verzeichnet ihr bei Kontrollen am häufigsten?

„Die häufigsten Verstöße sind ganz klar Geschwindigkeitsübertretungen. Das zeigt sich auch in den Unfallzahlen. Circa 60 Prozent der Unfälle, die durch Motorradfahrende verursacht wurden, sind auf nicht angepasste Geschwindigkeit zurückzuführen. In diesem Bereich sind wir auch aktiv, um das zu kontrollieren. Technische Manipulationen gibt es tatsächlich kaum noch. Hier sind es dann auch eher Kleinigkeiten wie ein fehlender Reflektor oder Brems- und Kupplungshebel aus dem Zubehör, die nicht eingetragen wurden.“

Wenn man von unangepasster Geschwindigkeit spricht, geht damit aber noch nicht zwangsläufig eine Geschwindigkeitsübertretung einher, richtig?

„Das ist richtig. Man muss immer situationsangepasst fahren. Außerorts gilt im Harz oft Tempo 100, abschnittsweise sind aber auch nur 70 km/h oder sogar nur 50 km/h erlaubt. Es gibt aber Kurven, deren Verlauf auch diese Geschwindigkeiten nicht zulässt. Wenn es hier zum Unfall kommt, ist das eben aufgrund unangepasster Geschwindigkeit. Oft wird aber einfach deutlich zu schnell gefahren.“

Gibt es Gruppen, die besonders häufig auffällig werden? Und gibt es eine Risikogruppe für Unfälle?

„Pauschal lässt sich das nicht sagen. Es gibt eine leichte Tendenz zu Sportlerfahrern unter 40, aber das ist tatsächlich nur eine leichte Tendenz. Auch mit einem Chopper kann man zu schnell fahren. Vor allem junge Fahranfänger bis etwa 25 Jahre und ältere ab 50 Jahre sind einem höheren Risiko ausgesetzt. Wir hatten im vergangenen Jahr im Landkreis Harz über 200 Unfälle mit Motorradbeteiligung. Etwa 140 davon wurden durch den Motorradfahrer verursacht, etwa die Hälfte der Unfallverursacher war dabei über 50 Jahre. Hier sind manchmal schlicht und einfach zu lange Touren die Ursache für Fahrfehler. Die Konzentration lässt nach, oder es kommt zu gesundheitlichen Ausfällen.“

Was ist die Hauptursache, wenn Unfälle nicht durch den Motorradfahrer verschuldet wurden?

„Auf dem Motorrad wird man sowohl von vorne als auch von hinten sehr schlecht gesehen. Dadurch kommt es vor allem beim Überholen oder Abbiegen zu Unfällen. Typische Situationen sind hier der abbiegende Pkw trotz entgegenkommendem Motorrad und auch der Pkw, der abbiegt, obwohl er gerade von einem Motorrad überholt wird. In beiden Fällen kommt es hier besonders häufig zu tödlichen Unfällen. Als Autofahrer nimmt man ein überholendes Motorrad ganz oft erst wahr, wenn es schon direkt neben einem ist und man es hören kann. Daher sollte man darauf achten, Kleidung mit fluoreszierenden oder reflektierenden Elementen zu tragen. Aus meiner Sicht ist das ein Thema, das viel mehr Aufmerksamkeit erhalten sollte, denn das Abblendlicht reicht hier einfach nicht aus. Es gibt Motorradfahrer, die Zusatzscheinwerfer montiert haben. Das verbessert die Sichtbarkeit. Die meisten werden aber leider immer noch zu schlecht gesehen. Ich habe das auch selbst schon erlebt. Wir verteilen im Rahmen unserer Präventionsarbeit auch Warnwesten. Von denen ist nicht jeder begeistert, aber mit wenigen Euro kann man hier vielleicht sein Leben retten.“

Grundsätzlich rückt das Thema Lautstärke mehr und mehr ins Bewusstsein, wenn man deine Erfahrungen hört, ist das aber in der breiten Masse noch nicht so richtig angekommen, oder?

„Nein. Es macht sehr vielen einfach immer noch Spaß, mit hoher Drehzahl durch die Innenstadt zu fahren und vielleicht auch die ein oder andere Fehlzündung zu verursachen. Es gibt hier einfach Leute, die gerne eine Show machen wollen. Das trifft natürlich bei Weitem nicht auf alle Motorradfahrenden zu. Hier dürfen wir auf keinen Fall alle über einen Kamm scheren.“

Gerade um die Gefahren zu minimieren bist Du im Rahmen der Präventionsarbeit aktiv. Wie reagieren die Leute darauf und wie muss man sich diese Arbeit vorstellen?

„Das ist eine sehr lockere Situation. Wir kommen mit den Motorradfahrenden ins Gespräch und dann merkt man sehr schnell, ob jemand Lust hat, sich zu unterhalten, oder nicht. Wir wollen ja nichts verkaufen, sondern auf bestimmte Umstände hinweisen. Wir zeigen auch mal die Unfallzahlen schwarz auf weiß, um zu zeigen, was im Harz tatsächlich los ist. Dessen sind sich viele gar nicht bewusst. Als Aktion veranstalten wir zusammen mit dem ADAC und der Motorradstaffel der Feuerwehr Halle auch jedes Jahr den Tag der Verkehrssicherheit. 2022 hatten wir zum Beispiel den Schwerpunkt auf dem Thema Erste Hilfe bei Motorradunfällen. Unser größtes Ziel ist es, die Sicherheit zu erhöhen und daher ist es wichtig, ganz entspannt mit dem Motorradfahrer ins Gespräch zu kommen.“

Präventionsarbeit ist das eine, die Politik denkt bei hohen Unfallzahlen gern schnell an Streckensperrungen. Wie blickst Du als Polizist auf dieses Thema?

„Bevor man dazu greift, sollte im Vorfeld von Gesprächen über Änderungen bei den Verkehrszeichen bis Unfallauswertung und Ursachenforschung alle Mittel ausgeschöpft werden. Die Ursachen können vielfältig sein. Maßnahmen wie Rüttelstreifen können zum Beispiel eine Hilfe sein, um Unfälle zu minimieren. In Sachsen-Anhalt gibt es keine Streckensperrungen. Sie können sinnvoll sein, um Straftaten wie illegale Rennen zu unterbinden und Unfälle zu vermeiden, sind aber ein beachtlicher Einschnitt und sollten das letzte Mittel sein.“

Um Geschwindigkeitsverstöße besser ahnden oder vielleicht sogar schon im Vorfeld unterbinden zu können, wird auch immer wieder die Einführung des Frontkennzeichens für Motoräder diskutiert. Wie stehst Du dazu?

„Ein Kennzeichen vorne am Motorrad ist sicher nicht so schlecht, ich halte es aber für fraglich, ob es den Zweck erfüllen würde. Unsere Messtechnik ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass wir auch das hintere Kennzeichen erfassen. Da es in Deutschland aber keine Halterhaftung gibt, ist die Herausforderung nachzuweisen, wer tatsächlich gefahren ist. Das ist beim Pkw genauso. Das würde sich mit einer Halterhaftung vermutlich schlagartig ändern und wir hätten nur noch ganz wenige Verstöße. Viele Verkehrsteilnehmer nehmen ein Bußgeld billigend in Kauf und selbst ein Punkt ist oftmals nicht abschreckend. Erst wenn der Führerschein eingezogen und es vielleicht sogar mit der Arbeit problematisch wird, wird es für die Leute interessant. In anderen Ländern wird da deutlich rigoroser vorgegangen.“ (cem/mp)


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Nicht angepassdte Geschwindigkeit gehört auch im Harz zur häufiugsten Unfallursache bei Motorradfahrern, was nicht immer mit Verstößen gegen das Tempolimit gleichzusetzen ist.

Nicht angepassdte Geschwindigkeit gehört auch im Harz zur häufiugsten Unfallursache bei Motorradfahrern, was nicht immer mit Verstößen gegen das Tempolimit gleichzusetzen ist.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Praschak


Polizeioberkommissar Sebastian Fabich.

Polizeioberkommissar Sebastian Fabich.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Praschak


Bei der Verkehrssicherheitsaktion „Sicher durch den Harz” für Motorradfahrer geht es der Polizei neben Kontrollen vor allem um Aufklärungsarbeit und Prävention.

Bei der Verkehrssicherheitsaktion „Sicher durch den Harz” für Motorradfahrer geht es der Polizei neben Kontrollen vor allem um Aufklärungsarbeit und Prävention.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Praschak